Aster Genet

Aster Genet

… finanziert sich ihr Studium in schwindelerregender Höhe: auf der Baustelle.


Wirklich vertrauenerweckend sehen sie nicht aus, die wackeligen Baugerüste, zusammengezimmert aus Holz und einfachen Nägeln. Mehrere Etagen hoch ragen sie in die Luft. Die ist dick und staubig, die Sonne brennt. Alles wird von Hand gefertigt und transportiert. Die einzige Maschine weit und breit ist eine Kreissäge. Mitten im chaotischen Gewusel dieser Großbaustelle fallen die jungen Frauen mit ihren langen Röcken und bunten Kopftüchern sofort auf. Sie schaufeln tonnenweise Kies und Schutt in Plastiksäcke. Andere schleppen meterlange, schwere Metallstangen von Stockwerk zu Stockwerk. Frauen auf der Baustelle – für den deutschen Betrachter ist das ungewöhnlich.

In Bahir Dar, der Hauptstadt der Region Amhara, entstehen gegenwärtig zahlreiche Hotels, Firmengebäude und Shopping Malls. Alles wuselt, die ganze Stadt, so scheint es, ist in Bewegung. Das Einkaufszentrum, das Downtown entsteht und ab 2017 mit sieben luxuriösen Stockwerken und einer Dachterrasse die Mittel- und Oberschicht der Region anlocken soll, ist eine dieser Baustellen. 62 Arbeiter schuften hier bei Wind und Wetter, unter ihnen zwölf Frauen.

Wir arbeiten üblicherweise im Team. Ein bisschen Angst habe ich nur, wenn ich alleine schwere Lasten nach oben tragen muss.

Aster Genet ist eine von ihnen. Seit vier Monaten arbeitet sie als Zuarbeiterin auf der Baustelle. Meterlange Eukalyptus-Stämme schleppt sie für die Herstellung der schiefen Baugerüste nach oben. Unhandliche Metallstangen, die später im Fundament verarbeitet werden, liefert sie bei ihren männlichen Kollegen ab. „Körperlich ist die Arbeit sehr anstrengend“, beschreibt sie kurz vor Ende eines langen Arbeitstages. Mit Blick auf das windschiefe Baugerüst mit seinen unzähligen Stolperfallen und klaffenden Löchern ist ihr Job nicht nur hart, sondern auch gefährlich. Kein Problem für die junge Frau: „Ich werde hier arbeiten, bis das Gebäude fertiggestellt ist“, sagt sie. Sie habe schon auf viel höheren Holzgerüsten gearbeitet und noch nie einen Unfall gehabt. Angst vor der Höhe? „Eigentlich nicht. Wir arbeiten üblicherweise im Team. Ein bisschen Angst habe ich nur, wenn ich alleine schwere Lasten nach oben tragen muss – aber das kommt selten vor.“

Die junge Christin, die ihren Glauben sichtbar in Form eines kreuzförmigen Tattoos auf der Stirn trägt, besitzt einen vollgepackten Wochenplan. Denn Aster Genet ist nicht einfach nur Zuarbeiterin auf dem Bau. In erster Linie ist sie Studentin, mit Zielen und Wünschen. Die Arbeit auf der Baustelle ist lediglich Mittel zum Zweck: Montag bis Freitag, von 7.30 Uhr bis 17.00 Uhr arbeitet sie hier. Für 50 Birr am Tag, das entspricht etwa 2 Euro. „Genug“ sei das, beschwichtigt uns ihr Chef. „Zu wenig“, verrät die schüchterne Frau hinter vorgehaltener Hand. Doch immerhin reiche es zum Leben aus.

Samstags und sonntags studiert Aster Rechnungswesen an der Universität von Bahir Dar. Ihr Weg ist immer häufiger vertreten in dieser jungen äthiopischen Generation, die vermehrt in die urbanen Zentren drängt: Aufgewachsen auf dem Land zog es sie und ihren Bruder in die Stadt. Um zu studieren, Geld zu verdienen und „das Leben kennenzulernen“, wie sie sagt. Immer mehr junge Äthiopier verlassen die ländlichen Regionen, angezogen von den Reizen der Städte. Hier „das Leben“, dort „die Heimat“.

Für Aster Genet ist die Arbeit auf dem Bau somit nur eine Etappe ihres Weges, an dessen Ende sie von einem Job als Finanzbuchhalterin träumt. Von einer Familie, Kindern und einem eigenen Haus. Ob sie Letztgenanntes eigenhändig erbauen möchte? „Nein“, lacht sie, „wenn ich genügend Geld gespart habe, lasse ich das hoffentlich andere machen.“


29. Oktober 2015

 


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