Patrick Patten

Patrick Pattenfliegt zweimal im Monat in die abgelegensten Regionen Tansanias und versorgt dort medizinische Not- und Alltagsfälle.


945.000 Quadratkilometer Fläche. Das ist die gut zweieinhalbfache Größe Deutschlands. Zwei Tage benötigt man in der Regel, um vom nördlichsten an den südlichsten Punkt im Land zu gelangen – so enorm sind die Dimensionen und so weit die Strecken im grünen, heißen Tansania. Doch: Auf lediglich 20.000 Kilometer Länge kommen alle Verkehrsstraßen zusammengenommen, wovon nur 4.000 Kilometer geteert sind. Weite Teile Tansanias sind damit buchstäblich abgeschnitten vom Rest der Welt.

Und abgeschnitten von jeglicher medizinischer Versorgung. Doch was geschieht, wenn einer der dort lebenden Menschen krank wird, sich mit dem Ringwurm-Parasit infiziert oder an Malaria zu sterben droht? „Vor 50 Jahren ist der Großteil dieser Menschen gestorben. Heute können wir viele von ihnen retten, mit meist einfachen Medikamenten und medizinischem Basis-Wissen – und einem Flugzeug“, sagt Patrick Patten.

Der 67-Jährige, seine Frau und vier weitere „Flying Doctors“ leben ziemlich gut versteckt. Gut 20 Kilometer außerhalb der Touristenstadt Arusha, unweit des weltbekannten Serengeti-Nationalparks, des Kilimandscharo und des Ngorongoro-Kraters, deutet kein Hinweis oder Schild darauf hin, welch spannende NGO sich in dem 20-Lehmhütten-Dorf befindet. Doch im Grunde ist die Organisation für die Ortsansässigen auch nicht weiter wichtig, denn Pats Patienten leben nicht hier, sondern eine halbe bis zwei Stunden Flugzeit entfernt.

In den Dörfern, in die wir fliegen, gibt es keine geteerte Landebahn oder viel Platz zum Aufsetzen.

Alle zwei Wochen fliegen er und seine Mitarbeiter für mehrere Tage in einige der 28 Dörfer, die auf ihrer Behandlungsliste stehen – der Flying Medical Service ist die einzige Organisation dieser Art im ganzen Land. Doch Pats Team hat nicht etwa gemein, dass sie alle Doktoren sind – sondern den Besitz eines Flugscheins. „Alle Mitarbeiter sind fähig, ein Flugzeug zu fliegen und arbeiten freiwillig für uns“, sagt der 67-Jährige. Vor Ort in Tansania kommen medizinische Grundkurse und eine gut dreimonatige Ausbildung zum waschechten „Buschpiloten“ hinzu. „In den Dörfern, in die wir fliegen, gibt es keine geteerte Landebahn oder viel Platz zum Aufsetzen, sondern eine meist schmale, teils steil abfallende Landebahn, auf der wir bei Wind und Wetter landen müssen. Das muss man erst einmal lernen“, sagt Pat.

Seit nunmehr 35 Jahren leitet er seine kleine Organisation. Schon als Kind träumte Pat, der Soziologie, Psychologie und Anthropologie bei den besten Professoren der USA studierte, ohne an Abschlüssen und Noten interessiert zu sein, vom Fliegen. Aus Interesse erlangte er eines Tages medizinisches Basis-Wissen, es folgten mehrere Aufenthalte in Tansania und 1982 die Entscheidung, diese Kombination zu einem sinnvollen Beruf zu machen. „Ich finde, dass jeder die Kompetenzen, die er hat, nutzen sollte. Und dass Menschen dazu gemacht sind, einander zu helfen. Deshalb habe ich den Flying Medical Service gegründet“, erinnert sich Pat.

Schon damals klaffte eine große Lücke im tansanischen Gesundheitsversorgungssystem, gegen die er etwas tun wollte. „Die Situation hat sich bis heute verbessert, aber noch immer kommen in Tansania auf einen Doktor aktuell 125.000 Menschen. Zum Vergleich: In einem Land wie Deutschland beträgt das Verhältnis eins zu 300“, sagt Pat.

Für den Großteil der medizinischen Fälle reiche eine kleine Behandlung, eine Tablette, eine Spritze aus. „Meistens versorgen wir die Patienten vor Ort in den Dörfern. In Einzelfällen ziehen wir spezialisierte Doktoren hinzu oder fliegen im Notfall in das nächste Krankenhaus“, sagt Pat. Knapp 30.000 Patienten waren es im vergangenen Jahr, 150 davon mussten in ein Krankenhaus gebracht werden.

Eine von ihnen ist Elizabeti. Das 18-Monate alte Mädchen kam mit verschobenen Kniescheiben auf die Welt, sodass sich ihre Beine Richtung Körper-Vorderseite biegen ließen. „In ihrem Fall haben wir einen Orthopäden zu Rate gezogen. Er hat ihr für ein paar Wochen Plastikschienen angelegt, wodurch ihre Knochen normal gewachsen sind. Jetzt lernt die Kleine, gerade zu gehen“, sagt Pat. „Hätte sie die Schiene nicht bekommen, hätte sie ihr gesamtes Leben lang nicht laufen können.“

Weil wir so vielen Menschen geholfen haben, sind inzwischen viele Kinder nach uns benannt.

Malaria, komplizierte Geburten, sexuell übertragene Infektionen: Das sind die häufigsten Krankheiten, mit denen es Pat und sein Team auf dem Land zu tun haben. 5000 Tansanische Schilling, also gut zwei Euro, kostet eine Untersuchung – egal ob es sich um eine zweijährige Tuberkulose-Behandlung oder das einmalige Geben einer Aspirin-Tablette handelt. Wer es sich nicht leisten kann, wird trotzdem behandelt. „Weil wir so vielen Menschen geholfen haben, sind inzwischen viele Kinder nach uns benannt“, witzelt Patrick, „überall finden wir Elizabeths, Rebeccas und auch einen Peter, weil die Mutter meinen Namen falsch verstanden hat.“

Doch bei ihrer Arbeit, die vorrangig in Maasai-Gebieten stattfindet, stoßen die Flying Doctors immer wieder auch an Grenzen, zum einen kultureller Art: „Einmal wollten wir einen zwölfjährigen Jungen mit Malaria im Endstadium in das nächste Krankenhaus fliegen, aber die Familie und die Dorfbewohner haben es verweigert, weil der Vater des Kindes, das Stammesoberhaupt, nicht zu Hause war. Erst, als seine Mutter das gesamte Dorf lautstark verflucht hatte, konnten wir das Kind mitnehmen“, erzählt er. Auch selbsternannte Heiler und Medizinmänner seien manchmal ein Problem: „Wir hatten schon Fälle, in denen sie den Dorfbewohnern erzählt haben, dass alles Unheil mit unserer Ankunft zusammenhänge. Aber dann gibt es wiederum Fälle, wo diese Heiler Patienten an uns verweisen oder sie mit Medizin versorgen, durch die sie tatsächlich gesund werden. Ich würde sagen, diese Form von Medizin zerstört so viel, wie sie heilt“, fasst Pat zusammen.

Plötzlich steht der schmächtige Mann auf und geht zu einem laut rauschenden Funkgerät im Nebenzimmer. „Flying Medical Service, Flying Medical Service“, spricht Pat ins Funkgerät und führt ein kurzes Gespräch. „Vier Mal am Tag haben wir für zehn Minuten verschiedene Frequenzen offen, damit uns Krankenhäuser erreichen können, die keinen Zugang zum Mobilfunknetz haben“, erklärt er anschließend und blickt auf sein Handy: „Aber die meisten Notrufe bekommen wir hierüber.“

Wenn der Mann mit der leisen Stimme nach dem Einfluss seiner Arbeit in den letzten 35 Jahren gefragt wird, winkt er bescheiden ab. „Wahrscheinlich ist der größer, als wir denken. Aber ich bin glücklich, die Arbeit macht Spaß, ich darf oft fliegen – das reicht mir.“ Einige Sekunden später fügt er halb scherzhaft, halb nachdenklich hinzu, er trage mit seiner Arbeit dazu bei, dass Tansania in Zukunft ein großes Problem haben werde: „Eigentlich wären viele der Menschen, die wir behandeln, gestorben, weil Tansania aus eigener Kraft diese Gesundheitsvorsorge nicht aufbringen könnte.“ Es sei natürlich erfreulich, dass sie so viele Menschen retten, doch Tansania sei eines der am schnellsten wachsenden Länder der Welt – und könnte bereits in wenigen Jahrzehnten am enormen Bevölkerungsdruck implodieren, so die Voraussagen. „Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass es besser wäre, diese Art der Entwicklungshilfe zu stoppen und Ländern wie Tansania die Chance auf eigene Entwicklung zu geben“, fährt er fort.

Ein Grund, seine Arbeit aufzugeben, sei das für ihn aber nicht. „Ich habe keine Lösung dafür, aber ich möchte, dass Menschen darüber nachdenken“, sagt Pat. Längst hat sich das Gespräch in eine Debatte über westliche Kultur, Respekt, kulturelle Sensibilität, Heimat, über Gott und die Welt entwickelt. Und über kapitalistische Wachstumssysteme, die man zuweilen für sich nutzen sollte, wie der pragmatische Freidenker unvermittelt verlauten lässt und dabei grinsen muss: „Wir haben durch Hoch-Risiko-Anlagen an der Börse inzwischen so viel Geld erwirtschaftet, dass wir mehr haben, als wir benötigen. Bereits jetzt haben wir unsere Ausgaben für die nächsten zehn Jahre gedeckt.“ Zumindest ein Problem, über das die Flying Doctors wohl auch in Zukunft nicht nachdenken müssen.


11. Februar 2016

 


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