Sister Rosemary Nyirumbe

Sister Rosemary

leistet so herausragende und wichtige Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern, dass ihr dieser Artikel nur schwerlich gerecht wird.


Nein – eine Glaubensschwester, die still ihren Dienst an Gott tut und sich Tag für Tag in konventioneller Nonnentracht kleidet, ist Sister Rosemary Nyirumbe nicht gerade. Da müsste sie schon die Apple Watch am Handgelenk abnehmen und ihr brandneues iPhone verkaufen. Sie müsste auch die Telefonnummern von Bill Clinton und Kevin Durant entfernen und ihren Facebook-Account löschen. Bleiben würde allerdings ihr Schleier, der jeden sofort erkennen lässt: „Sister Rose“, wie sie alle nennen, lebt und wirkt im Namen Gottes. Bereits im Alter von 14 Jahren fühlte sie sich berufen und entschied sich, Nonne zu werden. Doch so tief religiös Sister Rose auch ist – die Worte „Gott“ oder „Glaube“ kommen ihr im Gespräch kein einziges Mal über die Lippen. Als brauche sie nicht zu benennen, in wessen Namen sie ihr Leben lebt. Und tatsächlich: Auch ohne Worte schafft es Sister Rose, Außenstehenden zu zeigen, was Gott und Glaube für sie bedeuten: Liebe.

Liebe – das ist das Wort, das einem nach einer Begegnung mit Sister Rose nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Keine dramatische, herzzerreißende Liebe. Bedingungslose, aus tiefem Herzen stammende, reine Liebe. Es ist ihr herzhaftes, lautes Lachen, diese unaufdringliche Art, alle Anwesenden mit Tee zu versorgen, ihr streng-liebevoller Tonfall, mit dem sie einen Jungen fragt, ob er seine Hausaufgaben schon erledigt hat. Sister Rose liebt ihre Mitmenschen, ohne Distanz oder Grenze. Das muss es sein, was mit dem Wort Nächstenliebe gemeint ist. Und die haben alle, um die sich Sister Rose kümmert, mehr als nötig.

Seit 2001 leitet die Schwester die St. Monicas Girl’s Vocational School in Gulu, im Norden Ugandas. 500 Frauen und Kinder wohnen heute auf dem Gelände – sie alle teilen traumatische Erfahrungen aus der Zeit des Krieges mit der Lord’s Resistance Army (LRA). Sister Rose wird damals von ihrem Konvent in die Stadt geschickt, die ein einziges Chaos ist: Die LRA, eine extremistische Bewegung, die den Aufbau eines christlichen Gottesstaates anstrebt, hat die gesamte Region unter der Leitung von Joseph Kony seit 1987 in eine Bürgerkriegsregion verwandelt. Zehntausende Kinder sind von den Rebellen entführt und zu Soldaten und Sexsklaven gemacht worden. Unzählige Dörfer sind zerstört, Menschen ermordet, Frauen vergewaltigt. Hinzu kommt eine schwerwiegende Ebola-Epidemie.

„Das St. Monica’s war eigentlich als Zufluchtsort für Geflüchtete und Hinterbliebene gegründet worden. Doch als ich ankam, waren nur 30 Menschen hier – die Schwestern selbst waren schwer traumatisiert und verängstigt“, erinnert sich Sister Rose. Sie beginnt, als Krankenschwester, Betreuerin und Zuhörerin gleichzeitig zu arbeiten. Improvisiert, organisiert alte Betten und Matratzen aus Stroh. Das spricht sich schnell herum: Bis zu 500 Kinder suchen zu dieser Zeit täglich im St. Monicas’s Zuflucht. Doch täglich sterben einige von ihnen, weil es nicht genügend Nahrung gibt. „Erst als uns auf einer Reise nach Rom regelmäßige Essensspenden zugesichert wurden, konnten wir langsam anfangen, das Leben dieser Kinder zu verändern“, erzählt sie.

Irgendwann fragte ich sie, ob ich wirklich so hässlich sei, dass sie mich nicht ansehen könne.

Eines Tages fällt Sister Rose ein Mädchen auf, das ihr nicht in die Augen schauen kann. „Ich habe sie gefragt, ob ich wirklich so hässlich sei, dass sie mich nicht ansehen könne. Da war das Eis gebrochen und sie begann zu erzählen“, sagt die 57-Jährige. Im Alter von elf Jahren wird das Mädchen von Rebellen der LRA entführt, neun Jahre lang gefangen gehalten und zur Soldatin ausgebildet. „Sie hatte am Ende den Rang eines Kommandeurs inne. Ihre Augen waren vom Schmauch an der Front total zerstört“, erzählt Sister Rose. Zum ersten Mal wird ihr bewusst, dass unter den aufgenommenen Kindern und jungen Frauen auch geflüchtete ehemalige Soldatinnen sind. „Aber sie alle waren Kinder und damit unschuldig. Sie wurden Gehirnwäschen unterzogen, ihnen wurde aufgetragen: Töte so viele Menschen wie du kannst, sonst tun wir dir was an“, sagt die Schwester.

Sister Rose entscheidet auch, einen Radioaufruf zu starten. „Viele der Soldatinnen wurden von ihren Familien aufgrund ihrer Taten verstoßen. Andere wiederum wurden verstoßen, weil sie durch Vergewaltigungen unverheiratet schwanger wurden. All diese Frauen wollte ich aufnehmen“, erinnert sie sich. Einen Tag nach dem Aufruf sitzen 250 weitere junge Frauen im Garten von St. Monica’s, die meisten mit eigenen Kindern. Die Schwester und ihr Team improvisieren erneut: „Wir haben alle willkommen geheißen. Unsere Aufgabe haben wir darin gesehen, diesen jungen Frauen ihre Kindheit zurückzugeben – die meisten von ihnen waren ja im Grunde selbst noch Kinder“, erzählt Sister Rose.

Im Mittelpunkt der Philosophie von St. Monica‘s steht Bildung als Schlüssel zur Unabhängigkeit. Dazu Liebe und all dies ohne Vorwürfe oder Zeitvorgaben. Für viele der Frauen ist es das erste Mal, dass ihnen jemand zuhört. Alle sind traumatisiert, manche von ihnen sehr schwer: „Eines der Mädchen ist inzwischen seit zehn Jahren bei uns. Aber sie bekommt so viel Zeit, wie sie benötigt“, sagt die Schwester. Entscheidend sei auch, das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, damit sich die Frauen unbeschwert um ihre Bildung kümmern können. Unterschiede zwischen den Bewohnern gibt es dabei nicht: Unter den 500 Frauen und Kindern, die heute im St. Monica’s leben, finden sich entsprechend ehemalige Opfer der LRA, Hinterbliebene, Waisenkinder, ehemalige Kindersoldatinnen und deren Nachwuchs sowie auch Kinder von im Gefängnis auf der gegenüberliegenden Straßenseite inhaftierten Frauen. „Wir behandeln alle identisch. Wenn zwei Frauen das St. Monica’s verlassen, kann man nicht mehr erkennen, welche von beiden die Ex-Kindersoldatin und welche Opfer oder die Hinterbliebene von Opfern ist“, sagt Sister Rose.

Was die ugandische Schwester und ihr Team mit dieser Philosophie bisher erreicht haben, zeigt ein eindrucksvoller Rundgang über das Gelände: Eine Ausbildungsstätte für Schneiderinnen, Restaurantfachkräfte, dazu eine Schule, ein Kindergarten, eine Klinik und ein Schwangerschaftszentrum befinden sich hier. „Alles, was uns nützlich erscheint, bauen wir auf“, sagt Sister Rose schlicht. Dazu zählt auch ein zweites Waisendorf im 80 Kilometer entfernten Atiak, nahe der südsudanesischen Grenze. Ebenso ist eine Hilfseinrichtung im krisengeplagten Südsudan geplant.

Diese Preise motivieren mich, noch ein bisschen mehr mit den Kindern zu spielen, zu erreichen, dass sie sich noch ein wenig mehr wie Königinnen und Könige fühlen.

Für ihre Arbeit erfährt Sister Rose inzwischen internationale Aufmerksamkeit: 2007 wird sie zum CNN Hero ernannt, fünf Ehrendoktor-Titel nennt die Uganderin ihr Eigen. 2014 setzt sie das TIME Magazine auf seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Doch die Schwester lacht die Aufmerksamkeit lautstark weg: „Wäre ich die Art Person, die sich eine Halle baut und dort alle Auszeichnungen ausstellt, wäre ich hier falsch. Diese Preise verändern mich nicht – aber: Sie motivieren mich, noch ein bisschen mehr mit den Kindern zu spielen, zu erreichen, dass sie sich noch ein wenig mehr wie Königinnen und Könige fühlen.“

Die Liebe zu ihren Mitmenschen – nicht nur sie macht Sister Rose so außergewöhnlich. Es ist auch ihre Eigenschaft, Grenzen und Konventionen in Frage stellen. Wie bei einer Preisverleihung, als Sister Rose fragte, warum diesem Mann – es war ein bekannter NBC-Reporter – zehn Minuten Redezeit gewährt würden, ihr aber nur zweieinhalb Minuten. Sie reizte den Rahmen ein wenig aus – und am Ende des Abends wurde fast ausschließlich über die unbekannte Schwester aus Uganda berichtet, die eine solch bewegende Rede gehalten hatte, dass selbst gestandenen Männern die Tränen kamen.

Außerdem ist es die Ausdauer, die Sister Rosemary von vielen unterscheidet. „Nachdem die LRA 2006 von der ugandischen Regierung aus dem Land vertrieben wurde, kamen viele Hilfsorganisationen nach Gulu. Doch die meisten sind nur ein oder drei Jahre geblieben“, erzählt sie. Bedenke man, dass die LRA die Region knapp 20 Jahre lang terrorisierte, sei dies viel zu kurz. „Man muss die Arbeit langfristig anlegen“, betont sie mit Nachdruck. Auch die Kampagne „Kony 2012“ einer US-amerikanischen NGO, die vor drei Jahren die weltweite Aufmerksamkeit in sozialen und internationalen Medien erhöhte, sieht sie vor diesem Hintergrund kritisch: „Dadurch hat sich nur kurzzeitig etwas verändert. Wäre das Geld für die Kampagne an die Kinder und Frauen, die LRA-Opfer geflossen, hätte man mehr bewirken können.“

Auch die Eigenschaft, Motivation aus Resultaten zu ziehen, zeichnet Sister Rose in besonderer Weise aus – und von denen berichtet sie gerne. Erst vor ein paar Tagen, an Weihnachten, sei sie gerührt und begeistert von einer ehemaligen Schülerin gewesen, die sie wiedergetroffen habe. „Sie sprach im Namen aller Eltern ihrer Schule vor einer großen Menschenmenge. Sie kam vor vielen Jahren zu uns, nachdem sie der Gefangenschaft der LRA entflohen war. Und nun stand sie vor mir mit einem solchen Selbstbewusstsein“, sagt die Schwester stolz. Auch wenn ihre Arbeit oft nicht einfach sei, „wenn ich dann auch nur eine Frau sehe, die früher mit gesenktem Kopf und heute erhobenen Hauptes durch das Leben geht, weiß ich, wofür ich das alles tue. Und fange an zu überlegen: Habe ich genug für sie getan? Nein, ich muss ihnen noch mehr Möglichkeiten geben“, fasst sie ihre Motivation in Worte. Viele der Frauen sind inzwischen aus dem Heim ausgezogen und leben heute in Unabhängigkeit. Aus Sister Roses Mund klingt das so: „Sie sehen wunderschön aus, sind selbstbewusst und bestimmen ihr eigenes Leben.“

Doch so bewundernswert die Arbeit von Sister Rose auch ist – wie so vieles im Leben steht und fällt sie mit der nötigen Finanzierung. „Eine Einrichtung wie das St. Monica’s am Leben zu erhalten ist eine Mammutaufgabe. Wir benötigen ausgebildetes Personal, Lehrer für Einzelunterricht – und diese Leute muss ich alle bezahlen. Aber woher bekomme ich das Geld?“, fragt sie. Sister Rose verkauft handgefertigte Taschen und Schmuck der Bewohnerinnen auf der Online-Plattform „Sisters United“ und fliegt mehrfach im Jahr nach Oklahoma, um über die eigens gegründete NGO „Pros for Africa“ mit Spendengalas, Fernsehshows oder Tagungen Geld einzunehmen. „Aber ich befürchte, ich bin leider einfach viel zu klein, um bekannter zu werden. Die Leute übersehen mich leicht“, prustet die nur etwa 1,50m kleine Schwester.

Ihre Größe habe ihr allerdings geholfen, buchstäblich auf dem Boden zu bleiben, fügt sie hinzu. Auch ihre Pläne für die Zukunft sind entsprechend bescheiden: „Ich will sicherstellen, dass meine Schule geöffnet bleibt. Dass die Frauen hier einen sicheren Hafen haben, an dem sie Bildung erhalten können. Ich wünsche mir, dass mehr von ihnen vor anderen Menschen sprechen können und stolz sind auf ihre Entwicklung“, sagt sie. Sowieso sollten wir das alle tun, gibt sie zu bedenken, uns um Menschen kümmern, die denken, es sei unmöglich, von A nach B zu gelangen. „Jeder von uns sollte versuchen, das Leben von einer Frau und einem Kind zu verändern“, sagt sie. „Wir sind sieben Milliarden Menschen – stellen Sie sich mal vor, was es bedeuten würde, wenn auch nur einige von uns das hinbekämen.“

 


27. Dezember 2015

 


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