Mimmy Chemaringo

Mimmy Chemaringo

trainiert im kenianischen Eldorado der Langstreckenläufer, das gleichsam ein Paradies für Doping und Korruption ist.


„2017 will ich bei der WM dabei sein. Und mein Traum ist es natürlich, einmal den Boston-Marathon zu gewinnen. Das ist eigentlich gar nicht so schwierig“, erklärt Mimmy Chemaringo und legt mit nur einem Satz die Messlatte so hoch wie irgend möglich. Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft und der wohl prestigeträchtigste Langstreckenlauf der Welt müssen als außergewöhnliche Ziele bezeichnet werden. Doch wenn nicht hier, wo dann? An diesem Ort, in Iten, ist scheinbar alles möglich.

Am späten Vormittag hat die professionelle Läuferin das Stadion von Iten ganz für sich allein. Eine leere Laufbahn in diesem Mekka für die Laufverrückten dieser Welt, das ist fast so unüblich wie ein spärlich besetztes kenianisches Matatu. Eine Schafherde hat sich ins Stadion verirrt und grast gemütlich auf dem Fußballfeld – die Aschenbahn jedoch meiden die Tiere mit aller Vorsicht, denn der dort drohende Zusammenprall mit Mimmy wäre ein äußerst schmerzhafter. Die 28-Jährige ist in den letzten Zügen ihres Intervalltrainings, zehnmal 800 Meter und zehnmal 400 Meter hat sie nach dieser letzten Runde hinter sich. Ein brutales Pensum, und es ist erst die zweite Trainingseinheit des Tages. Am Nachmittag folgt noch ein zügiger Dauerlauf. Mehr als 1000 Sportler aus Kenia – Profis und Nachwuchstalente gleichermaßen – tun es ihr tagtäglich gleich.

Morgens, vormittags und nachmittags sind die Fußwege und Straßen rund um Iten gepflastert mit Athleten. Internationale Profis bolzen Tempo für die anstehenden Wettkämpfe, Hobbyläufer aus Europa streben in der sauerstoffarmen kenianischen Luft auf 2400 Metern nach Bestmarken. Der ganze Ort ist voller Trainingszentren, Luxus-Hotels, Sportartikel-Shops – der Läufermagnet Iten ist ein faszinierendes Örtchen inmitten des kenianischen Nichts. „Iten ist einfach ein sehr besonderer Ort“, schwärmt Mimmy: „Das Dorf ist sicher, die Straßen sind gut, die Höhenlage und das hügelige Gelände sind optimal. Darüber hinaus haben wir hier Zugang zum Internet und zu ausgewogenem Essen.“ Diese Kombination bietet kein anderer Höhenort in Kenia.

Wenn du mal keine Lust hast, schaust du aus dem Fenster und siehst die Straßen voller Läufer – dann ist die Lustlosigkeit schon wieder verflogen.

Für Mimmy ist Iten der Schlüssel zum Ruhm. Hoffentlich. Denn etwa 200 Frauen und 1000 Männer haben denselben Traum, trainieren mit und gegen sie, um ihren Idolen nachzueifern, große Rennen zu gewinnen. Lornah Kiplagat, David Rudisha, Vivian Cheruiyot, Wilson Kipsang und viele andere haben es ihnen vorgemacht – sie alle sind Weltmeister, Weltrekordhalter und Olympiasieger, hervorgegangen aus der Schmiede von Iten. Sie sind Topstars in ihrer Heimat, in der dem Laufen mehr Bedeutung zukommt als allen anderen Sportarten. Um in diese Riege der Berühmtheiten vorzustoßen gibt es für Mimmy nur eines: Training, Training, Training. 18 Einheiten absolviert sie in der Woche, die erste täglich morgens um 6 Uhr – auch wenn es manchmal schwer fällt. „Aber wenn du mal keine Lust hast, schaust du aus dem Fenster und siehst die Straßen voller Läufer – dann ist die Lustlosigkeit schon wieder verflogen“, sagt sie. Die längste Einheit wartet immer samstags, wenn mindestens 30, meist 40 Kilometer auf dem Trainingsplan stehen. „Da weißt du wirklich, dass du etwas geleistet hast.“ Als Läuferin müsse man Schmerzen ertragen, sonst gewinne man keinen Blumentopf.

Ihre Geschichte teilt sie mit vielen ihrer Trainingspartner und Konkurrenten: Weil ihre Grundschule zehn Kilometer entfernt lag, entschied sie, die Strecke zweimal täglich zu joggen, um Zeit zu sparen. Sie lief schneller als der Rest und fing anschließend in der High School an, sich zu professionalisieren. Später lief sie einige der großen Marathonveranstaltungen Kenias, ein paar kleinere gewann sie. Nach ihrem Studienabschluss in IT-Business entschied sie sich vor drei Jahren dazu, Profi zu werden, und kam dafür nach Iten. Die Geburt ihres ersten Sohns warf sie karrieretechnisch etwas aus der Bahn – doch danach, seit einem Jahr, hat sie erneut nur noch eines im Kopf: Schneller rennen.

Noch schneller. Einen Halbmarathon, also 21,097 Kilometer, läuft sie gegenwärtig in 75 Minuten – „eine sehr enttäuschende Zeit“, ist Mimmy unglücklich. Für einen Marathon benötigt sie 2:40 Stunden – „auch das ist ziemlich langsam.“ Diese Zeiten sind internationale Klasse, keine Frage. Doch für die WM, Podestplätze in Boston, Chicago, New York, London oder Berlin reichen sie bei Weitem nicht. 15 Minuten auf 42,195 Kilometern, die will Mimmy in diesem Jahr rausholen. Dann ist die Weltspitze zum Greifen nah. Doch eine Viertelstunde ist im Marathon eine Welt. Eigentlich: „Solange Du in Iten trainierst, kannst du jede Zeit erreichen“, ist sie fest überzeugt. Die ehrgeizige Sportlerin, ihr Trainer und ihre Pacemaker tun alles für ihren Erfolg. Dazu gehören auch Teilnahmen an 20 bis 30 Wettkämpfen jährlich, zwischen Kenia und Südafrika.

Doch das entbehrungsreiche Laufgeschäft verfügt auch über seine Kehrseiten. Wie so viele Talente hier im kenianischen Hochland hat Mimmy keinen Sponsor und kein Management. Ihre Joggingschuhe haben schon bessere Tage gesehen und neue Ausrüstung ist teuer. Leben könne sie bislang noch nicht von ihrem Job, sagt sie. „Meine Familie denkt, ich würde hier nur meine Zeit verschwenden. Ich sage ihnen dann immer: Habt Geduld, ich kann es schaffen. Das Laufen könnte mein Leben verändern, es verbessern.“ Joggen als Möglichkeit, Stress abzubauen. Joggen als Perspektive, die Welt zu sehen. Joggen als Traumjob, viel spannender als täglich im Büro zu sitzen. Doch der Weg hin zum Sportprofi ist hart – und als Läufer in Kenia umso härter, wenn der finanzielle Druck zum entscheidenden Parameter wird. Mimmy hält sich über Wasser, aber die Zeit ist begrenzt: Irgendwann muss der Erfolg kommen.

Bei manch konkurrierender Läuferin muss es schneller gehen. Für viele hier ist Doping der einzig realistische Weg, die „Abkürzung zum Erfolg“, wie Mimmy es nennt. Der kenianische Laufsport: Er ist seit Jahren ein Scherbenhaufen, ein Eldorado für Doping und Korruption. Alleine in den vergangenen vier Jahren wurden 38 kenianische Profis wegen Dopingvergehen gesperrt. Zahlreiche Dokumentationen und Berichte machten die Korruption der Verbandschefs öffentlich. Die sind mittlerweile suspendiert – vorübergehend. Trainingskontrollen gibt es in Kenia überhaupt nicht, die Eröffnung eines Doping-Kontrolllabors in Nairobi zögert sich seit Jahren hinaus. EPO ist problemlos in den Apotheken der nahegelegenen Stadt Eldoret zu erhalten, natürlich auch ohne Rezept. Die Leichtathletik-WM 2015, welche das kenianische Team erstmals auf Platz 1 des Medaillenspiegels beendete, wurde von den Dopingfällen zweier kenianischer Läuferinnen überschattet. Die Situation verschärfte sich Ende des vergangenen Jahres, als 60 Athleten vor dem Hauptsitz des Leichtathletikverbands AK für die Absetzung der Führungsriege demonstrierten.

Wir sprechen nicht so gerne mit Journalisten, denn die haben keine Ahnung.

Anstatt aufzuräumen und kritischen Fragen mit Offenheit zu begegnen, herrscht in Iten eine gespenstische Omertà. Spitzensportler, Manager und Coaches, sogar ihre Hasen und die Leiter der Trainingszentren – sie alle sind entweder nicht verfügbar, haben kein Interesse an Interviews, antworten nicht auf Anfragen oder lassen Pressevertreter stundenlang in staubigen Wartezimmern sitzen. „Wir sprechen nicht so gerne mit Journalisten“, erklärt der Besitzer eines Laufladens, „denn die haben keine Ahnung.“ Zu viele negative Beiträge aus und über Iten wurden in den vergangenen Jahren veröffentlicht, darauf verzichten sie inzwischen lieber.

Mimmy Chemaringo sieht das anders. Und ohne Sponsorenvertrag und Management kann der cleveren jungen Frau – noch – keiner den Mund verbieten. „Es ist schrecklich“, echauffiert sie sich: „Heute läufst du mit einer Trainingskollegin, die kaum mit dir mithalten kann. Und in einem Jahr läuft sie den Halbmarathon plötzlich in 68 Minuten.“ Im Training bekomme man ein gutes Gefühl dafür, wer dope und wer nicht: „Manche hier laufen wie die Verrückten und werden nie müde. Das merken wir anderen sehr genau“, sagt sie. Wer verbotene Mittelchen zu sich nimmt, lasse hier und da ein wenig Bestechungsgeld in Richtung Verband springen, dann sei das schon in Ordnung, ergänzt sie. Einer ihrer Freunde starb erst vor zwei Monaten an den Folgen seines exzessiven Dopingkonsums, und der 28-Jährige ist keineswegs ein Einzelschicksal in Iten. Dem Dorf der Läufer, das ebenso ein Dorf der Doper zu sein scheint. „Der Wettbewerb hier ist riesig“, schließt Mimmy und blickt in die Ferne. „Aber ich werde weiter geduldig bleiben und mit fairen Mitteln arbeiten.“ Mit Ehrlichkeit zur WM – traurigerweise wäre sie damit wohl eine seltene Ausnahme.


12. Januar 2016

 


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