Christian Mwijage

Christian Mwijage

kämpft gegen die Müllberge in seiner Heimat und strebt dabei nach mehr als Reichtum und Erfolg.


Plastik als Klimaretter? Interieur, Exterieur, Gebrauchsgegenstände, vom Zaun bis hin zum Verkehrsmasten und der Straßenlaterne – alles aus Plastik. Nichts mehr aus Holz. Der Umwelt zu Liebe. Höchst erfolgreich verfolgt Christian Mwijage ein simples Konzept: Plastik statt Holz.

Noch in dieser Nacht ist sein Abflug von Daressalaam nach Nairobi geplant. Christian sitzt im Buni Hub – dem größten Think Tank für erfolgversprechende Ingenieure und Entrepreneure Tansanias – auf heißen Kohlen. Eigentlich habe er keine Zeit, na gut, kurz passe es dann doch, lenkt er ein. Aber höchstens 30 Minuten, der Terminkalender mache Druck. Zwei Stunden später erzählt der 33-Jährige noch immer von seinem Projekt, die Zeit hat er da schon längst vergessen. Verloren in Gedanken an neue Ideen, mögliche Innovationen, den Blick immer langfristig gen Zukunft gerichtet. Zeitdruck? Nicht jetzt! Nairobi kommt noch früh genug.

„Wir nehmen Müll und machen ihn zu Geld“, floskelt der Entrepreneur und muss selbst lächeln über diesen marketingwirksamen Claim. Denn eigentlich gehe es ihm nicht ums große Geld, betont er. Christian Mwijage möchte sein Heimatland revolutionieren. Er möchte für Nachhaltigkeit und Sauberkeit sorgen, den Klimawandel bekämpfen, die Wälder retten. Der Schlüssel zu diesen hoch gesteckten Zielen heißt: Plastikmüll. Seit knapp einem Jahr produziert er daraus mit seinem Start-Up EcoAct Baustoffe. Von diesem wenig geliebten Rohstoff gibt es mehr als genug in Tansania: Die Berge aus Plastiktüten und -flaschen, Verpackungen, kaputten Stühlen und Tischen sind nicht zu übersehen, sie bilden einen so allgegenwärtigen Bestandteil des optischen Eindrucks wie das Hupen der Tuk-Tuks und Dalla Dallas das akustische Bild des Landes prägt. Eine Müllabfuhr existiert nicht, deshalb wird der meiste Abfall öffentlich verbrannt.

Wenn du kreativ bist, kannst du aus Plastik alles machen, was du willst. Und wir haben noch eine Menge Ideen, was wir damit anstellen können.

Hier setzt Christian an: „Wir nutzen jede Art von Plastik, um daraus ein nützliches Produkt herzustellen: Aus umweltverschmutzenden Rohstoffen werden auf diese Weise Fliesen, Dachziegel, Straßenmasten, Zäune oder Gartenmöbel. Wir erhitzen das Plastik, bis es flüssig wird“, erklärt er, „wenn du kreativ bist, kannst du aus diesem Rohstoff alles machen, was du willst. Und wir haben noch eine Menge Ideen, was wir damit anstellen können.“

Die Idee klingt simpel, fast banal. Doch Christian und sein junges Drei-Mann-Unternehmen sind die Ersten im ganzen Land, die sie konsequent verfolgen – dadurch wurden sie innerhalb kürzester Zeit zu einem Hoffnungsträger im Kampf gegen Tansanias Umweltsorgen. Beim New York Forum Africa 2015 wurde EcoAct unter die 50 innovativsten Start Ups des Kontinents gewählt, beim Seed Star Words Tanzania Award wurde das Unternehmen im selben Jahr als zweitbestes Start Up des Landes gekürt. Christian und sein Team sind gefragt – im vergangenen November tourte er durch Mexiko, nun wartet im kenianischen Nairobi ein Seminar des von Barack Obama geförderten Youth Entrepreneurship Program. Im März dann Südkorea, zwei Monate später Großbritannien.

„Ich hatte immer das Ziel, etwas zu machen, das einen Einfluss auf die Gesellschaft und einen positiven Effekt auf die Umwelt hat“, beschreibt Christian seine Motivation. Nach seinem Studienabschluss in Computer Science stößt er durch Zufall auf das Feld, in dem er nun aktiv ist: „Was passiert eigentlich mit dem ganzen Plastikmüll?“, fragt er sich eines Abends. Er googelt und erfährt: Gar nichts geschieht mit dem Müll. Er googelt weiter und erkennt: Hier ist die Marktlücke, auf die er gewartet hat. Diese Entdeckung liegt nicht einmal ein Jahr zurück.

Christians Innovation ist als Universallösung gedacht, oder zumindest eine solche, die viele Probleme gleichzeitig in Angriff nimmt: Erstens schafft das Unternehmen Arbeitsplätze, insbesondere für Menschen ohne Bildung. Mehr als 45 indirekte Angestellte beschäftigt Christian mittlerweile an sechs Stationen, sie sammeln, säubern und sortieren den Müll. „Sie sind die Wichtigsten in unserem Team und mittlerweile wie eine Familie für mich.“ Deshalb hat Christian ein Bonussystem eingeführt: Für 1000 Kilo Plastik, die ihm ein Sammler liefert, übernimmt er ein Jahr lang die Krankenversicherung für diesen Arbeiter und dessen Familie. „Denn uns ist bewusst, dass die Arbeit mit Müll Unsicherheiten birgt – deshalb müssen wir die Arbeiter genau dort unterstützen“, erklärt er. Auch das Umweltbewusstsein seiner tansanischen Mitbürger, welches er bislang noch als „traurig“ bezeichnet, möchte er auf diese Weise ändern.

Ich kann jeden Tag mehrere Bäume vor dem Abholzen retten. Die Bilder dieser Bäume habe ich in meiner Wohnung hängen, das motiviert mich jeden Tag aufs Neue.

Darüber hinaus geht es ihm um den Erhalt der Wälder. „Der Erste in Tansania zu sein, der eine konkrete Idee hat, den Baumbestand im Land zu retten, macht mich besonders stolz“, sagt er. Alles, was aus Holz hergestellt werden könne, sei auch aus Plastik formbar, ist er überzeugt. Dazu zählen Schultische, Strommasten und Umzäunungen von Bauernhöfen und Nationalparks. „Wären all diese Erzeugnisse aus Plastik und nicht aus Holz, könnten wir den enormen Druck von unseren Wäldern nehmen“, erklärt er.

Mit 25 Plastikpfosten ersetzt er die Holzmenge einer ausgewachsenen Zeder. „Ich kann also jeden Tag mehrere Bäume vor dem Abholzen retten, die jeweils 20 Jahre zum Wachsen benötigen würden. Einige Bilder von ihnen habe ich in meiner Wohnung hängen, das motiviert mich jeden Tag aufs Neue“, erklärt er mit Nachdruck. Durch den Erhalt der Bäume verspricht er sich außerdem eine Eindämmung des Klimawandels. Und er nennt weitere Vorteile: Plastikzäune und -masten werden nicht geklaut und als Feuerholz missbraucht; darüber hinaus verrotten sie nicht, sind resistent gegen Termiten. „Unser Produkt ist nicht nur viel umweltfreundlicher und beständiger, sondern auch 30 Prozent günstiger als Bauholz“, sagt er.

Gegenwärtig arbeitet er an seinem neusten Projekt: Er möchte die tansanische Regierung davon überzeugen, die Metallpfeiler aller Straßenschilder im Land durch Plastikpfeiler zu ersetzen. Dafür muss die Produktion vergrößert und beschleunigt sowie in erster Linie die Regierung von der Dringlichkeit seiner Idee überzeugt werden: „Die Metallpfeiler werden regelmäßig gestohlen und verkauft. Plastik klaut niemand“, erklärt er. Um eine größere Stückzahl zu erreichen, geht es nun ums gute Geld. Christian ist im ganzen Land unterwegs, akquiriert Investoren und Förderer. „Das ist die größte Herausforderung hier in Ostafrika. Die meisten investieren ausschließlich in große, bereits bekannte Unternehmen. Da haben wir es schwer, wir sind ja erst acht Monate alt.“ Gelegentlich ist der Einsatz von Privatvermögen die einzige Lösung. „Aber ich liebe dieses Projekt zu sehr, da mache ich das gerne.“

Neben den Plänen für 2016, der erhofften Eröffnung einer Zweigstelle in Arusha im darauffolgenden Jahr und weiterer Stellen in Uganda, neben dem Kreieren von Farbmischungen und dem Basteln am perfekten Holz-Look aus einer Plastik-Sägespan-Mischung, neben der Ausarbeitung des ersten landesweiten Recycling-Systems, welches er gegenwärtig skizziert, neben den Gedanken ans große Ganze, die gesamte Gesellschaft des Landes, neben der einen Million Kilogramm Plastik, die er ab 2019 jährlich sammeln und zu 250.000 Plastikpfeilern verarbeiten lassen will, neben dem einen Quadratkilometer Wald, den er so pro Jahr retten würde, und den 500 Jobs, die er bis 2020 geschafft haben will – neben all diesen Ideen fällt es dem jungen Unternehmer manchmal schwer, genügend Zeit für sein eigenes kleines Zentrum zu finden: seine Familie. Christian ist verheiratet und Vater eines Sohnes und einer Tochter. „Manchmal ist es stressig, wie zum Beispiel im Moment“, gibt er zu. „Aber in den etwas ruhigeren Phasen, in denen ich nicht reise, ist mein Job ein riesiger Vorteil: Als Selbstständiger habe ich dann viel Zeit, und die verbringe ich ausschließlich mit meiner Familie.“ Wenn er nicht gerade ausschläft. Christian ist leidenschaftlicher Langschläfer, verrät er – doch für seine größte Leidenschaft, den Erhalt der Wälder, wird er dieses spezielle Hobby wohl noch ein wenig ruhen lassen müssen.


5. Februar 2016

 


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