Wondimeneh Tseqaye

Wondimeneh Tseqayeversuchte vor vielen Jahren sein Glück als Fischer in Awassa und ist heute der beste in der Stadt.


„Kommt in zwei Stunden wieder, dann habe ich alle meine Fische verkauft“, ruft Bilate und rennt vorbei. Nach einigen Metern dreht er sich noch einmal um und fügt hinzu: „Und vergesst das Trinkgeld nicht.“ Gut, dann eben erstmal ein Spaziergang über den Fischmarkt von Awassa.

Es ist 7 Uhr morgens, die Sonne ist gerade aufgegangen. Still liegt das Wasser, einige Boote schaukeln sanft im Rhythmus der Wellen. Über dem Awassa-See liegt ein Schleier aus Nebel, der ihm die Aura eines verwunschenen Märchenortes verleiht. Doch der tägliche Fischmarkt am Ufer holt die abschweifenden Gedanken zurück in die Realität. Rund 30 Fischer versuchen hier ihre Fänge aus der vorherigen Nacht an den Mann zu bringen. Junge Helfer tragen Stränge wie Bananenstauden durch die Gegend, nur mit zappelnden Fischen daran. Eine Frau versucht mit traurigem Hundeblick und flehender Stimme, den Preis zu drücken – es scheint zu funktionieren, sie zieht zufrieden ab. Zwischendrin landet hier und da ein riesiger Marabu und versucht, einen unbeobachteten Moment abzupassen, in dem er nach einem Fisch oder zumindest einem Abfallrest schnappen kann. Der Fischmarkt in Awassa ist übersichtlicher, alltäglicher und entspannter als erwartet.

Zwei Stunden später hat Bilate eigentlich noch immer keine Zeit. „Busy“ sei er heute, deshalb Beeilung mit den Fragen, macht er Druck. Wondimeneh Tseqaye, von seinen Freunden nur „Bilate“ genannt, sitzt an einem kleinen Holztisch zwischen wartenden Kunden und zu filetierendem Fisch. Zwei Männer bleiben stehen: „Wie teuer ist ein Teller Fileto?“ – „100 Birr“, antwortet Bilate. Die Männer ziehen die Augenbrauen hoch: „Oh?“ Sie gehen weiter, ohne Kommentar. Gelächter bei allen Anwesenden.

Bilate hat gut Lachen – auf diese beiden Männer ist er nicht angewiesen. Stattdessen gibt es viele andere, die seinen Fisch kaufen. Er wird als tüchtigster Fischer der Stadt bezeichnet. Und als reichster: Der sechsfache Familienvater besitzt ein großes Haus, schickt seine Kinder allesamt auf Privatschulen und wird eingeladen, wenn die prominente Elite des Landes an Ostern zu den kirchlichen Feierlichkeiten in die Stadt einfliegt. Bilate besitzt auch ein eigenes Restaurant an der Uferpromenade, das an diesem Tag voll besetzt ist mit Gruppen von Männern, die in der Mittagspause sehnlichst auf einen Teller Fileto warten. Und doch passen all diese Informationen irgendwie so gar nicht dazu, wie Bilate im Gespräch wirkt. Bescheiden, auffällig ruhig und konzentriert. Überlegt bei jeder Frage erst einen Moment, antwortet dann präzise. Verzieht den Mund nur für einige Sekunden, wenn er lacht, um sich dann wieder zu konzentrieren.

Heute ist ein guter Tag. Es ist wolkig, da fängt man am meisten.

Vielleicht, weil Bilate nie vergessen hat, wie und wo er vor vielen Jahren angefangen hat. Fischer, so erzählt er, sei er geworden, weil er in einer schwierigen Zeit überlegt habe, wie er am besten seine Familie ernähren könne. Daraufhin habe er sich entschieden, nach Awassa zu gehen und sein Glück als Fischer zu versuchen. Der Anfang war hart: „Für 20 Fische bekam ich früher 1 Birr“ (heute umgerechnet 4 Cent), erinnert er sich. Doch Bilate lernte schnell, was einen erfolgreichen Fischer ausmacht: ein gutes Auge für einen geeigneten Platz, Konzentration und der Glaube an den Erfolg. Und die richtige Technik, versteht sich. „Am besten wirbelt man das Wasser zuerst mit einem Stock auf, das lockt die neugierigen Fische an.“, erklärt er. Der Rest sieht für den Laien nach klassischem Fischfang aus: Angelschnur, Haken, Wurm. Geduldig auf dem Boot aus Plastikkanistern und Holzstäben verharren, erkennen, wenn ein Fisch angebissen hat. Mindestens 80 bis 100 Fische fängt Bilate auf diese Weise am Tag. Doch auch das Wetter spielt eine Rolle: „Heute ist ein guter Tag. Es ist wolkig, da fängt man am meisten. Das Wasser ist warm und das hält die Fische an der Küste“, erläutert er.

Inzwischen bekommt Bilate für einen Teller Fileto, für den etwa zehn Fische frisch filetiert und dann roh verzehrt werden, 100 Birr (umgerechnet 4 Euro). Sein Fisch schmeckt außergewöhnlich, wie man sich in der Stadt erzählt. Woran das liegt, kann er selbst nicht so genau erklären. Vermutlich ist auch sein Geschäftssinn außerordentlich gut: Während er den Fisch an diesem Morgen von vier Tagesarbeitern gleichzeitig filetieren lässt, fischt parallel dazu Piriri, ein junger Fischer, auf dem Wasser weiter. Nach 20 Minuten bringt er Bilate ein ganzes Bündel weiterer Tilapia-Fische, die dieser sofort verarbeiten lässt. Hat Bilate einmal zu wenig gefangen, kauft er Nachschub bei anderen Fischern, um seine Kunden nicht zu verlieren. Bietet sich wiederum die Chance, besonders viel zu verkaufen, wie während der zweimonatigen Fastenzeit vor Ostern, steht Bilate persönlich wochenlang von morgens bis abends auf dem Wasser. 50.000 Birr (umgerechnet 2.000 Euro) soll er dann an einem Tag einnehmen, erzählt man über ihn. Für äthiopische Fischfangverhältnisse ein Vermögen.

Denn das Business ist hart, die Konkurrenz groß und neidvoll. Die Fischerei hat im Land zwar eine lange Tradition aufgrund der vielen Binnenseen, doch Fisch hat in der äthiopischen Küche einen deutlich untergeordneten Stellenwert im Vergleich zu Fleisch. Die Nachfrage und das Einkommen der Fischer sind insofern stark saisonabhängig, wie das Osterbeispiel zeigt. Fischfang in größerem Stil ist auch aufgrund der technischen Ausstattung eine Herausforderung. Der Großteil der Fischer kann daher meist die eigene Familie mit einem kleinen Einkommen versorgen, nicht mehr und nicht weniger. „Der Wettkampf ist enorm“, schlussfolgert Bilate. „Wenn du hier auch nur mit einem Fisch herumläufst, spürst du die Blicke der anderen Fischer auf dir. Sie sind neidisch“, sagt er. Manch einer schlafe sogar am Ufer und bewache auch in der Nacht sein Netz mit Argusaugen, damit nicht die Konkurrenz den Fang als ihr Eigen deklariert.

Da ist es wohl nur folgerichtig, dass Bilates Beruf auch Eingang in seine Träume erhält. Ja, bestätigt er kurz auflachend, er träume oft von den Fischen. „Ich träume dann davon, wie einige von ihnen lebendig werden.“ Den Appetit hat ihm sein Beruf bislang aber noch nicht verdorben: Fisch isst er seit vielen Jahren fast jeden Abend.


16. November 2015

 


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