Rukiya Faisel Mohamed

Rukiya Mohammedentwickelte mit ihren Schulkameradinnen ein wirksames Erste-Hilfe-Mittel gegen Schlangenbisse.


Zwischen 20.000 und 100.000 Menschen werden jedes Jahr gebissen. Und sterben – am Biss einer Schlange. Rund 2000 bis 3000 davon zählt die Statistik alljährlich in Kenia. Hier kommen noch mehr als 120 Arten vor, über 30 davon sind giftig. Beim Biss giftiger Schlangen ist schneller Rat teuer – und genau hier liegen die beiden Probleme: Erstens haben viele Opfer von Black Mamba und Co. nicht die finanziellen Mittel für eine unverzügliche Behandlung. Zweitens treffen Notärzte häufig erst viel zu spät am Unfallort ein, denn die Strecken sind weit, viele Dörfer abgelegen und die Straßen teilweise in einem kaum befahrbaren Zustand. Den besonders gefährdeten Menschen in ländlichen Regionen ein Erste-Hilfe-Werkzeug zur Hand zu geben, das war das Anliegen des Science Club der Coast Girls High School in Mombasa. Also entwickelten sie kurzerhand den Black Stone, eine Soforthilfe gegen Schlangenbisse.

Mehr als 50 Mädchen zwischen 14 und 18 erzählen aufgeregt von ihrem Projekt, das seit seiner Veröffentlichung für so viel Aufsehen sorgt in Mombasa und Umgebung. Rukiya Faisel Mohamed aus dem Abschlussjahrgang ergreift das Wort: „Wir haben zuerst Umfragen in der Bevölkerung gemacht. Als wir die Fragebögen ausgewertet hatten, waren wir erstaunt: 39 Prozent der Befragten gaben an, einmal im Leben von einer Schlange gebissen oder von einem Skorpion gestochen worden zu sein. 65 gaben an, dass ihnen dies schon zweimal oder häufiger passiert sei“, sagt sie. Die Mädchen erkannten ein enormes Sicherheitsbedürfnis und feilten anschließend an Lösungsideen für das Problem. Gemeinsam mit ihrem Lehrer Fred Bongu Machel stießen sie auf einen vielversprechenden Ansatz: Knochen. „Wenn man einen tierische Knochen richtig verarbeitet und auf die Bissstelle legt, können etwa 80 Prozent des Gifts aus dem Körper gezogen werden“, erklärt der Lehrer.

Unsere erste Herausforderung war es, Freundschaften mit den städtischen Metzgern zu schließen.

Die Gruppe tüftelte und probierte. Sie legten sich auf die Verwendung der Oberschenkelknochen von Kühen fest, denn diese sind außergewöhnlich aufnahmefähig. „Unsere erste Herausforderung war es, Freundschaften mit den städtischen Metzgern zu schließen“, scherzt Rukiya. In zahlreichen Produktionsschritten werden die Knochen verarbeitet, in Wasser und Spülmittel gekocht, in Aluminium gelagert und abschließend gebacken. „Nach etwa 30 Minuten im Ofen verschwindet der ursprüngliche Fleischgeruch, dann ist der Black Stone fertig“, sagt die 17-Jährige. Durch die verschiedenen Schritte sind die Poren des Knochen um ein Vielfaches geweitet, die Absorptionsfähigkeit des Endprodukts enorm: Rukiya legt sich den Black Stone auf die Unterlippe und dieser bleibt sofort kleben. „Beeindruckend, oder?“, strahlt sie.

Im Falle eines Schlangenbisses wird die Bissstelle leicht eingeschnitten und der Black Stone aufgelegt, um das Gift auszusaugen. „Er ist eine höchst verlässliche Waffe gegen Schlangenbisse“, schlussfolgert Rukiya. Der Stein ist nicht größer als eine Walnuss, kann immer in der Hosentasche getragen werden. Noch dazu ist er mehrfach verwendbar und jeder kann ihn herstellen. Deshalb lehren die Mädchen ihr Verfahren inzwischen auch denjenigen, die den Stein wirklich benötigen: den Menschen auf dem Land. „Es ist eigentlich total simpel. Wir nutzen lediglich unser Wissen aus der Biologie, um den Menschen zu helfen“, sagt Rukiya stolz.

Im Herbst des vergangenen Jahres präsentierten die Mädchen den Stein der Öffentlichkeit. Die Medien rissen sich um sie, in der Bevölkerung will nun jeder einen solchen Stein, den die Menschen inzwischen ehrfürchtig mit dem Kisuaheli-Namen „Dawa ya nyoka“ bedacht haben – „Schlangenmedizin“. Finanziell und ideell gefördert wird der Science Club von der Aga Khan Academy Mombasa. „Educating Girls in Science“ (EGIS) lautet deren 2014 gestartetes Pilotprojekt, an dem 23 Schulen teilnehmen. „Wir haben das Projekt ins Leben gerufen, damit Frauen in der Wissenschaft später nicht mehr so unterrepräsentiert sein werden, wie sie es momentan noch sind“, erklärt Projektkoordinatorin Lucy Mwandawiro. Die Vorstellung, Naturwissenschaften seien ausschließlich was für Jungs, müsse ad acta gelegt werden.

Der Ansatz von EGIS ist dabei ein pragmatischer: Immer wird versucht, über tatsächlich existierende, alltägliche Problemstellungen auf Lösungen zu stoßen. „Wir zeigen den Mädchen, wie sie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Hause nutzen können. Im Zuge dessen lernen sie eine Menge, haben Spaß am Forschen und entwickeln großartige Erfindungen“, sagt die Koordinatorin. Die Gruppe der Jamvu Girls High School beispielsweise erfand ein besonders wirksames Desinfektionsmittel sowie verschiedene Flüssigseifen und beliefert mittlerweile die Krankenhäuser in der Umgebung, ein Patent ist angemeldet. Andere Schulen starten Gartenbauprojekte, gewinnen Brennstoff aus Plastikmüll und bauen Filteranlagen für Salzwasser.

In Mombasa entsteht eine weibliche Wissenschaftsbewegung, eine junge Forschergeneration, die wunderbar hineinpasst in dieses ideen- und erfindungsreiche Land. Das mobile Geldtransfersystem M-Pesa zum Beispiel, mit dessen Hilfe auch im hintersten Eck des Landes ein Paar Schuhe oder ein halbes Kilo Sukumawiki innerhalb weniger Sekunden per Mobiltelefon bezahlt wird, wurde in Kenia erfunden und 2007 eingeführt. Oder Anthony Mutua. Er erfand einen Turnschuh, der Handyakkus auflädt, den „Hatua shoe mobile charger“. Per USB-Kabel werden Mobiltelefon und Schuh miteinander verbunden und nach 800 Metern Spaziergang ist ein zuvor leerer Akku wieder voll. Ebenso viel Aufmerksamkeit erhielt Jamila Abass, eine junge kenianische Softwarespezialistin: Mit ihrer App M-Farm ermöglicht sie es den Bauern im ganzen Land, sich zu vernetzen, Waren online zu verkaufen und Wissen auszutauschen.

Ich liebe die Wissenschaft. In der Wissenschaft lerne ich jeden Tag neue Dinge, die mir und anderen im Alltag helfen können.

Rukiya möchte sich diesem Trend ihrer wissenschaftsaffinen Generation anschließen. In allen angebotenen Naturwissenschaften belegt sie die Leistungskurse: Chemie, Physik, Biologie. „Ich liebe die Wissenschaft“, sagt sie selbstbewusst, „denn in der Wissenschaft lerne ich jeden Tag neue Dinge, die mir und anderen im Alltag helfen können.“ Sie und ihre Club-Kameradinnen arbeiten bereits an der nächsten Idee: Es handelt sich um eine Technik, mit der Kohleöfen energiesparender werden. Durch den Einsatz von Wassergas könnte so nur noch ein Bruchteil des ursprünglich genutzten Brennholzes vonnöten sein – auch für die Umwelt wäre diese Entwicklung eine Wohltat, denn ganz Ostafrika leidet seit Jahren unter der enormen Abholzung seiner Wälder.

Rukiya träumt von Patenten und von der großen Erfindung. Dabei war es für die junge Kenianerin zuerst eine abwegige Idee, sich der Wissenschaft zu widmen: „Ich wollte das zuerst gar nicht, aber mein Vater hat mich letztlich von der Wichtigkeit der Naturwissenschaften überzeugen können. Zum Glück.“ Nach ihrem Abschluss an der Coast Girls Secondary möchte sie Medizin studieren. Genau wie ihre Schulfreundinnen möchte sie sich professionalisieren im weiten Feld der Wissenschaft. Das Forscher-Fieber hat mittlerweile so viele ihrer Mitschülerinnen angesteckt, dass der Science Club wegen Überfüllung keine Mitglieder mehr aufnehmen kann. Wie man dieses Problem an der Coast Girls Secondary gelöst hat? Vor kurzem wurde an der Schule ein Environmental Club als Alternative gegründet.


29. Januar 2016

 


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Christian Mwijage, Entrepreneur aus TansaniaEin Erfinder ist auch Christian Mwijage. Im tansanischen Daressalaam strebt er danach, die Umwelt zu retten sowie die Müllberge und den Klimawandel zu bekämpfen.

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