Deena

Deena

ist in Uganda auf dem Weg zum Musikstar und möchte ihre Bekanntheit nutzen, um zwischen Kulturen zu vermitteln.


Endlich ein paar Stunden Pause. Deena hat Besuch aus Deutschland, zwei ihrer besten Freundinnen sind nach Kampala geflogen. Seit zwei Tagen sind sie hier – zum ersten Mal in Ostafrika – und das pulsierende Leben in der ugandischen Hauptstadt macht ihnen noch ein wenig zu schaffen. Doch die Strapazen sind es wert: Seit neun Monaten haben sie ihre Freundin nicht mehr gesehen. So lange war Deena nicht mehr zu Hause, ein dreiviertel Jahr lang weit weg, in Uganda. „Wir wollen unbedingt sehen, was die Deena hier so macht. Das ist ja schon sehr spannend“, sagt ihre Sandkastenfreundin Julia Merkle. Nun also sitzen die drei zusammen. Air Condition und Milchkaffee sorgen für die nötige Abkühlung – und bevor es wieder zurück ins Tonstudio geht, bleibt ein wenig Zeit, um die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen: das Leben als deutscher Musikstar in Uganda.

Anfang 2015 war die gebürtige Baden-Badenerin eine von vielen, Studentin der sozialen Arbeit in Berlin. Zwölf Monate später ist sie „Deena“, ein neuer Stern am ugandischen Musikhimmel. Ihr Song „Mumulete“ ist seit Monaten ein Radiohit, über Neujahr spielt sie beim CBS Festival in diesem Jahr vor 100.000 Menschen, die lokalen und internationalen Medien reißen sich um sie. „Mzungu Deena“ wird sie von der Presse genannt, die „Weiße Deena“. Eine Deutsche, die auf Luganda singt, also auf einer ugandischen Sprache. Eine Fremde, die hier heimisch geworden ist. Ein Phänomen, das die Aufmerksamkeit magnetisch anzieht.

„Ich habe das Ganze zuerst nicht wirklich ernst genommen“, sagt sie rückblickend. 2012 entscheidet sie sich nach dem Abitur für ein Freiwilligenjahr in Ruanda, 2013 reist sie erstmals ins Nachbarland Uganda. In einer Bar singt sie spontan ein paar Songs, unter anderem auf Luganda, einer Sprache, die ihr bis dato völlig fremd ist. Das klingt ungewöhnlich, doch nicht für Deena.

Die heute 22-Jährige beginnt früh zu musizieren, spielt Querflöte, Saxophon, Gitarre, Bass und Klavier. Als Jugendliche singt sie in Bands, schreibt Songs und verdient sich ein Taschengeld als Gitarren- und Querflötenlehrerin. Die kleine Bar von Kampala kommt also wie gerufen. Musikproduzent Faizel Bashir hört Deena dort singen und ist begeistert: Nur ein Jahr später – Deena hat mittlerweile ihr Studium aufgenommen – einigen sie sich auf die Zusammenarbeit. Sie schreiben „Mumulete“, eine „Liebeskummer-Schnulze“, wie sie selbst sagt, drehen ein Musikvideo und stellen es eines Abends im Februar 2015 auf Facebook. Am nächsten Morgen hat sie drei aufgeregte ugandische Fernsehredakteure auf der Mailbox, alle fragen nach Interviewterminen. „Es hat sich superschnell wie ein Virus verbreitet. Ich hätte das nicht gedacht“, erinnert sie sich. Seitdem ist die Frau mit dem Künstlernamen „Deena“ eine Berühmtheit in Uganda. Von ihrem Beruf, der Musik, kann sie mittlerweile leben.

Die junge Deutsche ist eine Exotin, und das ist ihr bewusst. „Mein großer Vorteil ist, dass ich weiß bin. Das kann man nicht leugnen“, sagt sie. Das weckt auch in ihrem Herkunftsland Interesse: Im Oktober gab es keinen einzigen Tag ohne Medientermine mit der deutschen Presse und dem deutschen Fernsehen. Doch der erste Hype – auch das haben Exoten so an sich – ist in der Regel schnell verpufft. Bei Deena hingegen stapeln sich die Interviewanfragen noch immer, im Schnitt gibt sie zwei Konzerte pro Woche. Das liegt auch daran, dass sie sich nicht zurücklehnt, sich kaum eine Pause gönnt. Mittlerweile spricht sie neben Kisuaheli auch Luganda, die Sprache, in der sie singt. Ihr Management spornt das zu noch Größerem an: „Seit ich die Sprache beherrsche, werde ich immer mehr herausgefordert. Meine Songs werden schneller, die Texte auch. Die ruhen sich nicht auf dem Erfolg aus, den wir bisher hatten“, sagt sie.

Doch zum Erfolg gehört auch die nötige Bühnenpräsenz, weshalb sie fortlaufend an ihren Entertainer-Qualitäten arbeitet: „In Uganda funktioniert, was laut ist“, nennt sie eine wichtige Lektion. Nebenbei arbeiten sie und ihr Team an neuen Songs für ihr Debütalbum: „Es wird gekocht, die musikalische Küche läuft.“ Afro Fusion steht dabei im Vordergrund – traditionelle ugandische Musik gemischt mit RnB und modernen Beats. Auch Songs auf Kinyarwanda für den ruandischen Markt und auf Kisuaheli für das Publikum aus Kenia und Tansania sind in Arbeit. Und selbstverständlich wirft Ruff n Tuff Records, Deenas Label, auch einen Blick gen Westen, wo sich im Kongo seit vielen Jahren eine der buntesten und vielversprechendsten Musikszenen der Welt entwickelt.

Während der Kolonialzeit wurde den Leuten hier beigebracht, dass ihre Kultur weniger Wert sei als die des Westens.

„Ich habe mittlerweile meinen Weg gefunden“, zeigt sich die merkbar medienerfahrene Künstlerin selbstbewusst. Dieser Weg besteht auch darin, beim Austausch der Kulturen mit gutem Beispiel voran zu gehen: „Während der Kolonialzeit wurde den Leuten hier beigebracht, dass ihre Kultur weniger Wert sei als die des Westens“, sagt Deena. „Ich schwimme gegen den Strom, erkläre den Leuten, wie toll ich ihre Kultur und Sprache finde. Ich versuche nicht, die Dinge zu verändern, sondern mich den Umständen anzupassen. Manche Ugander freuen sich so sehr darüber, dass sie anfangen zu weinen.“ Doch die stereotypen Vorstellungen vom afrikanischen Kontinent sind noch immer tief verwurzelt in der westlichen Welt – daran will Deena etwas ändern: „Ich will eine andere Perspektive von Uganda zeigen. Von der Gastfreundlichkeit der Menschen, von der sich die ganze Welt etwas abschauen könnte. Ich möchte vermitteln, dass es in Afrika nicht nur arme Kinder und Holzhütten gibt.“ Sie wolle nicht nur ein Stück Deutschland nach Uganda, sondern auch ein Stück Uganda nach Deutschland bringen, sagt sie.

Ihre Pläne sind groß – und weit weg von daheim. Deenas Zukunft, sie findet wahrscheinlich mehr als 6000 Kilometer fern der Heimat statt. Sie sei nie wirklich ein „Heimwehkind“ gewesen, sagt sie: „Auch meine Familie gewöhnt sich daran. Aber ich habe manchmal das Gefühl, ständig weg zu sein, nie wirklich Zuhause. Und in Deutschland sind meine Wurzeln, die will ich nicht einfach so abschlagen.“ Auch deshalb ist die Freude groß, endlich einmal die vertrauten Gesichter ihrer Freundinnen aus der Heimat zu sehen. Eine der beiden, Alangi Siegemund, wird sie in den kommenden drei Monaten begleiten: Ruff n Tuff Records hat sie kurzerhand als Marketingpraktikantin engagiert. Im April werden die beiden nach Deutschland zurückkehren, bis dahin soll Deenas erstes Album fertiggestellt sein. „Dann werde ich es mitnehmen und schauen, was passiert.“ Konzertanfragen aus London, Brüssel und Amsterdam stapeln sich bereits auf ihrem Schreibtisch. Und auch aus Berlin. Dem Ort, an welchem doch noch ein Bachelorstudium auf sie wartet. Ja, sie werde sich an das nächste Sommersemester wagen, um irgendwann ihr Studium zu beenden, verspricht sie: „Das ist vielleicht utopisch, aber der Wille ist da.“


30. Dezember 2015

 


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