David Okoth

David Okoth

ist gehörloser Lehrer an einer Schule für Gehörlose und hat dort dennoch mit Diskriminierung zu kämpfen.


Still zu sein in einer so lauten Welt ist beileibe kein einfaches Los. Das Leben gehört den Unüberhörbaren, denen, die mitreden wollen und vor allem denen, die mitreden können. Doch was ist mit denen, die das nicht können – zumindest nicht in der Form, wie der Großteil der Menschheit es kennt? In vielen Teilen der Welt werden sie von der Gesellschaft diskriminiert und ausgegrenzt. David Okoth ist einer von ihnen. Doch im kleinen Dörfchen Nyang’oma im Westen Kenias, eine 20-minütige staubige Bodafahrt von der nächstgrößeren Stadt Bondo entfernt, hat er Gleichgesinnte gefunden. Und eine Heimat.

Der 38-Jährige teilt das gleiche Schicksal wie viele der knapp 600.000 gehörlosen Menschen in Kenia: Von Geburt an taub, wird er von seinen Eltern verstoßen, alleine gelassen, weil sich diese für ihren Sohn und seine Behinderung schämen. Seine Großmutter nimmt sich seiner an, erhält von einem Priester den Tipp, den Jungen auf eine Schule für Gehörlose zu schicken. In Nyang‘ oma, wo sich die älteste Grundschule dieser Art befindet, besucht David 1984 die erste Klasse. Mehr als 30 Jahre sind inzwischen vergangen – heute ist er Lehrer an der ältesten Berufsschule für Gehörlose im Land, die 1972 im selben Dorf gegründet wurde. Hier unterrichtet er angehende Maurer, wie Häuser für die Ewigkeit gebaut werden.

Von den 33 Lehrern, die am College insgesamt 120 Schüler unterrichten, ist David einer von nur zweien, die gehörlos sind. Nun könnte man meinen, dass dies in Nyang’oma, dem Ort, an dem die kenianische Gebärdensprache erfunden worden sein soll, kein Problem, sondern ein Vorteil sein dürfte. Doch seit 2007 ist das Gegenteil der Fall, erzählt David. „Bis 2007 hatten wir nur gehörlose Schüler an unserem College und alle Lehrer beherrschten die Gebärdensprache. Doch dann kam eine neue Schulleiterin, die auch hörende Schüler zuließ, weil sie der Schule Geld brachten. Die anderen Lehrer fingen an, auf Englisch und Kisuaheli zu unterrichten – von diesem Zeitpunkt an wurden wir Gehörlosen unterdrückt.“

Gehörlose können nicht genauso gut performen wie Hörende, wenn sie nicht gleichbehandelt werden – sie müssen identisch und gemeinsam gefördert werden.

Inzwischen gebe es viele Lehrer, die nicht einmal mehr Grundkenntnisse der Gebärdensprache beherrschten, erzählt David weiter. Musa Omuchele Ayitsa, einer von Davids Schülern, bestätigt dies verärgert: „Wir sind zwei gehörlose Schüler in unserer Klasse und wir verstehen einfach nichts im Unterricht. Einige Lehrer schicken uns sogar weg, wenn wir nach der Stunde nachfragen, weil sie keine Lust haben, es nochmal zu erklären.“ Schulleiterin Schwester Celestine Mang’iti erklärt die pädagogische Strategie hingegen so: „Wir wollen die Gehörlosen mainstreamen in der gesamten Gesellschaft, deshalb werden sie zusammen mit Hörenden unterrichtet. Die Gehörlosen orientieren sich an den Hörenden, so werden sie angespornt. Gehörlose können nicht genauso gut performen wie Hörende, wenn sie nicht gleichbehandelt werden – sie müssen identisch und gemeinsam gefördert werden.“

Soweit die Theorie. Doch ob zu diesem Konzept auch der kleine Tisch im Lehrerzimmer zählt, an dem die beiden gehörlosen Lehrer separiert vom Rest des Kollegiums sitzen? Robert Brückmann aus Deutschland, Freiwilliger an der Berufsschule für die nächsten zwölf Monate, erzählt, wie schockiert er war, als die Lehrer eines Mittags begannen, über David zu lästern – obwohl dieser direkt neben ihnen saß. „Auch körperlich gehen sie David manchmal an“, erzählt der 23-Jährige. Ein Schlag auf die Schulter hier, ein Hieb in den Magen da – alles Spaß, lachen die Lehrer. „Selbst die Sekretärinnen gehen anders mit ihm um, ignorieren ihn und seine Wünsche – das ist oft schrecklich zu beobachten.“ Auch erhalten David und sein gehörloser Kollege weniger Gehalt als die hörenden Lehrer: „Wir verdienen 10.000, die anderen Lehrer 25.000 kenianische Schilling im Monat“, kritisiert David.

Robert entschied sich für einen anderen Weg als Davids Lehrerkollegen: Er ging einfach auf seine gehörlosen Mitmenschen zu. Gleich in der ersten Woche nach seiner Ankunft begann er, die Gebärdensprache zu lernen und ist damit einer der wenigen hörenden Freunde von David. „Signen“, wie Robert es nennt, kann er nach nur vier Monaten fließend: „Es ist wie eine Fremdsprache zu lernen, nur mit mehr Körpersprache und mehr Mimik“, erklärt er. Er stelle auch Veränderungen an sich fest, wie er schmunzelnd zugibt: „Wenn ich spreche, verziehe ich zum Beispiel häufiger das Gesicht. Das ist ja nicht so typisch für uns Deutschen, wir sind ja sonst eher gestik- und mimikarm.“ Einen Unterschied zwischen seinen gehörlosen und hörenden Schülern konnte er im Unterricht abgesehen von der Sprache bislang nicht feststellen: „Tendenziell sind die Gehörlosen sogar noch besser in der Schule“, überlegt er, „weil sie sich mehr auf ihre Arbeit konzentrieren.“

Lachen, weinen, wütend sein – auch das tun gehörlose Menschen wie alle anderen. Jedoch mit dem Unterschied, dass sie ihren Gefühle in vielen Fällen nicht den Ausdruck verleihen können, der ihnen gebühren würde. Wie es sich anfühlen muss, seine Wut wie David einfach runterschlucken zu müssen? „Wenn die anderen Lehrer mich diskriminieren, muss ich ihnen vergeben. Wie soll ich mich denn beschweren, wenn die meisten mich nicht verstehen?“, sagt David pragmatisch. Auch bei der Schulleiterin könne er sich nicht beschweren, weil er Angst habe, dass sie ihn rausschmeiße. „Viele Arbeitgeber in Kenia wollen keine gehörlosen Mitarbeiter beschäftigen. Wenn ich rausgeworfen würde, hätte ich gar keinen Job und würde noch mehr leiden als jetzt“, sagt David. 

In meinem Heimatdorf spricht einfach niemand meine Sprache.

Ein Leben an einem anderen Ort als Nyang’oma kann sich David dennoch nicht vorstellen. Auch, weil er nur hier den morgendlichen Gehörlosen-Gottesdienst besuchen oder auf den Markt gehen kann und problemlos verstanden wird. Von den 5000 Dorfbewohnern können rund 2000 nicht hören, das kleine Örtchen ist das kenianische Zentrum der Gehörlosen. Es ist auch einfacher als bei seinen Eltern, sagt David, zu denen er fast keinen Kontakt mehr hat, obwohl er noch einige Male in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist. „Als ich das erste Mal mit 32 Jahren zurückkam, waren sie überrascht und haben sich gefreut, wie gut ihr Sohn geraten ist. Aber das hat mich nicht interessiert“, sagt er. In seinem Heimatdorf werde er noch immer schlecht behandelt und ausgeschlossen, weil er sich nicht verständigen könne. „Dort spricht einfach niemand meine Sprache“, fasst er zusammen.

Ein bisschen habe sich die Situation für Gehörlose in Kenia jedoch seit 2010 verbessert, als die kenianische Gebärdensprache in der neuen Verfassung als offizielle Sprache anerkannt wurde. „Durch die neue Konstitution haben wir mehr Rechte bekommen wie zum Beispiel das Recht auf einen Übersetzer bei Behörden. Auch sonst ist es ein bisschen einfacher, sich draußen mit Leuten zu unterhalten“, sagt David. Verbessert haben sich außerdem die Bildungschancen für Gehörlose: 40 Grundschulen, dazu 25 weiterführende Schulen und vier Berufsschulen gibt es derzeit für Gehörlose in Kenia, wodurch das Land zum Vorreiter in der Region geworden ist. Dennoch sähen viele Kenianer noch immer keine Notwendigkeit, die Gebärdensprache zu erlernen: „Wenn ich jemanden treffe, kann ich meistens nur aufschreiben, was ich sagen will. Es ist schon oft passiert, dass Leute dann einfach weggegangen sind“, erzählt David.

Seit vielen Jahren würde er gerne an der Uni studieren, kann sich einen Übersetzer für die Vorlesungen aber nicht leisten. „Für Hörende ist es so einfach, schnell neue Sachen zu lernen und sich zu verbessern. Ich hoffe, dass sich das für uns mit der neuen Konstitution ändert“, sagt er. „Am liebsten würde ich aber eines Tages Matatu-Fahrer werden“, fügt David hinzu und muss lachen, „die verdienen richtig viel Geld.“ Mit fünf anderen Gehörlosen würde er dann einen Bus kaufen, führt er seinen Traum aus. Das Vorhaben dürfte ein Erfolg werden: das erste leise Matatu auf Kenias lauten Straßen.


7. Januar 2016

 


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