Kevo Stero

Kevo Stero

hat es aus einem der größten afrikanischen Slums als Künstler zu internationalem Ruhm gebracht.


Kibera ist einer dieser Orte, die aus der Ferne eine ungemeine Faszination auf den Beobachter ausüben. Riesig und unüberschaubar ist es hier, Menschen wuseln wie in einer Miniaturwelt zwischen den flachen Wellblechdächern hin und her. Kibera bietet aus der Distanz ein Bild, das wahrhaftig als schön bezeichnet werden kann – dieser Ort verkörpert Schönheit in Form eines fast gleichmäßig anmutenden Chaos. Doch verlässt der Beobachter seinen Posten und wird selbst zum Mosaikstück dieses Kunstwerks, bietet sich ein weitaus weniger romantisches Bild: Überall wird gehämmert, gehupt, gebrüllt, überall sind Menschen, die alle irgendwie irgendwas zu tun haben. Es ist dreckig, keine Frage, und es riecht auch so. Kibera, einer der größten Slums Afrikas ist ein lebendiges Ballungsgebiet, Heimat von Hunderttausenden. Und mittendrin steht Donald Trump.

170.000 Menschen leben nach offiziellen Angaben im größten der vielen Slums rund um die kenianische Hauptstadt Nairobi. Inoffizielle Schätzungen gehen wahlweise von 500.000 bis zu einer Million aus. Da manche Menschen aus Lärm und Chaos ihre Inspiration ziehen, ist es gar nicht so überraschend, dass sich inmitten dieses Gewusels eines der spannendsten Künstlerensembles Kenias entwickelt hat: das Maasai Mbili Art Center. Das Studio der acht Künstler – eine ehemalige Bar, die nach einem Sechsfach-Mord vor 15 Jahren geschlossen und wenig später zur Kreativwerkstatt umgewandelt wurde – liegt gut versteckt in einer schmalen Gasse. Eine wild bemalte Tür verbirgt die Kunstschätze, die sich dahinter auf nur wenigen Quadratmetern befinden. Beim Eintreten in den kleinen Raum, welcher Atelier, Ausstellungshalle und Gemeinschaftsraum gleichermaßen darstellt, ist die Reizüberflutung mindestens genauso groß wie vor der Tür.

Kevo Stero hat eine Kreativpause eingelegt – Zeit genug, um von der Idee hinter Maasai Mbili zu erzählen. „Wir alle haben als Straßenkünstler begonnen“, erklärt der Maler, „die Street Art mischen wir nun mit zeitgenössischer Kunst.“ Hauptsächlich geht es dabei um Kibera, denn alle Künstler stammen von hier. Acht Kreative zählen zum von den Brüdern Gomba und Kota Otieno gegründeten Kollektiv. Kevo, der mit bürgerlichem Namen Kevin Irungu heißt, stieß 2004 dazu und kommt seither jeden Tag in das kleine Atelier. „Ich mag diesen Ort, denn er bedeutet Therapie für mich. Er lenkt mich ab, hier kann ich relaxen. Andere Menschen gehen in die Kirche, um innere Ruhe zu finden. Ich komme hier her, inmitten des Lärms finde ich Entspannung und fühle mich sicher“, sagt der 28-Jährige.

Mit meiner Kunst erzähle ich Geschichten, Daily Kibera ist eine Form von Storytelling.

Die Mitglieder von Maasai Mbili kreieren eine bunte Melange aus höchst unterschiedlichen Stilen und Themen: Anita Kavochi, eine von zwei weiblichen Mitgliedern des Ensembles, befasst sich hauptsächlich mit dem Thema Mutterliebe. Musa Abwanza bringt Alltagssituationen und Stillleben zu Leinwand und Papier und verwendet dabei häufig recycelte Materialien. Kevo arbeitet seinerseits seit vielen Jahren an einer Serie: „Daily Kibera“ nennt er die großformatigen Bilder, sie erinnern optisch an Titelseiten einer Tageszeitung oder eines Politmagazins. Als ebensolche versteht sie auch ihr Erschaffer: „Mit meiner Kunst erzähle ich Geschichten, Daily Kibera ist eine Form von Storytelling“, sagt er. Aus dem Leben Kiberas zu erzählen, das hat er sich zum Ziel gesetzt. Die meisten Menschen, erklärt er, betrachten Kibera als schreckliche Gegend. „Aber das stimmt nicht. Dieser Ort ist wie jeder andere. Deshalb möchten wir in unseren Werken positive Geschichten erzählen.“

So berichten seine „Nachrichten-Bilder“ etwa von alltäglichen Transportmitteln oder stillenden Müttern. Immer im Mittelpunkt: ein Hühnchen als Hauptmotiv – als Mitfahrer auf dem Boda-Boda oder als Kind, das gestillt wird. „Ursprünglich rührte die Idee daher, dass Kinder hier oft als ‚Chicken‘ bezeichnet werden. Das Motiv hat sich mit der Zeit in meinen Werken verfestigt“, schmunzelt er.

Und damit zurück zu Donald Trump: Auf einer kleinen quadratischen Leinwand starren die weißen Augen eines roten Kopfs den Betrachter an. Auf diesem Kopf ruht ein gelbes Hühnchen: „Ich finde, das Motiv symbolisiert Trumps Hirn und seinen Haarschnitt am eindrucksvollsten“, erklärt Kevo.

Das mag albern klingen, vielleicht ein wenig durchgeknallt. Doch die Werke von Kevo und seinen Kollegen sind heiß begehrt. Die Künstler von Maasai Mbili kooperieren mit den großen Galerien Nairobis und erhalten regelmäßig Aufträge von den Kulturzentren der Metropole. Kevo stellte seine Werke bereits im Kunsthaus Bregenz aus und vertrat Kenia bei einer der einflussreichsten Afrika-Ausstellungen Europas im Bayreuther Iwalewahaus. Das ermöglichte dem ehrgeizigen Mann, der schon früh die Schule abbrach, um sich voll und ganz der Kunst zu widmen, und der dafür zwölf Jahre später noch immer kein Verständnis von seiner Familie erfährt, einen Trip auf den Kontinent im Norden. „Kalt und ein bisschen langweilig“ sei es dort gewesen, erinnert er sich. Aber im Vergleich zu Kibera, fügt er an, seien wohl die meisten Orte dieser Welt öde. Auch deshalb werde er immer hier bleiben – unabhängig davon, wie groß der Erfolg eines Tages sein wird.


20. Januar 2016

 


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