Sweetbertha Rwabizi

Sweetbertha Rwabizi

… hat hohe Ziele im kulinarisch aufstrebenden Tansania: die Etablierung einer echten Weinkultur.


Manchmal läuft es im Leben anders als geplant – wie bei Quereinsteigerin Sweetbertha Rwabizi. „9 to 5 lag mir einfach nicht“, erzählt die 26-Jährige. Von einem französischen Ölkonzern wechselte sie vor einem Jahr kurzerhand in die Genussproduktion und überwacht nun ihr Lieblingsgetränk aus Studientagen: Wein. „In einem Weingut zu arbeiten war zwar eine Herausforderung für mich als Laiin, aber sich Wissen über Wein anzueignen ist unglaublich spannend. Außerdem bedeutet Weintrinken, ein gesünderes Leben zu führen“, sagt sie und hat bereits innerhalb dieser wenigen Sätze die Herzen der anwesenden Weinliebhaber erobert. Sie selbst präferiere trockenen Weißwein, am liebsten Drosty-Hof aus Südafrika, gesteht die quirlige Produktionsleiterin von Alko Vintages. Um direkt, halb erschrocken, halb amüsiert hinzuzufügen: „Und natürlich unsere eigenen Weine.“

Wein aus der Region ist ein sehr neues Phänomen. Die Bevölkerung ist skeptisch und viele bevorzugen den importierten Wein aus Südafrika.

Sweetberthas Arbeitsplatz klingt bislang noch ungewöhnlich im tansanischen Kontext. „Wein aus der Region ist ein sehr neues Phänomen. Die Bevölkerung ist skeptisch und viele bevorzugen den importierten Wein aus Südafrika, weil sie ihn kennen“, erzählt Sweetbertha. Dabei bilden die Weinberge rund um Tansanias Hauptstadt Dodoma nicht nur die vielversprechendste Weinregion im Land, sondern auch eine der aufstrebendsten auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.

Denn die Bedingungen für den Weinanbau sind in Dodoma perfekt. „Wir liegen relativ hoch, wodurch es nicht allzu heiß wird“, sagt Sweetbertha. Zwar gebe es manchmal nicht genug Niederschlag, aber daran hätten sich die beiden Traubenarten Makutupora und Chenin Blanc über die Jahre angepasst und überhaupt erst ihren regionalen charakteristischen Geschmack entwickelt. „Die wichtigste Besonderheit ist aber, dass wir zwei Mal im Jahr ernten können, weil wir zwei Regenzeiten haben – von August bis November und von Februar bis März“, fügt sie hinzu.

In dieser Zeit arbeiten die 700 Farmer aus der Umgebung, Sweetbertha und ihre 90 Mitarbeiter rund um die Uhr. Morgens bringen die Weinbauern die Trauben in Bottichen und werden nach Gewicht bezahlt. Dann werden die Früchte weiterverarbeitet, abgebeert und in einer Mühle zerdrückt, sodass die dickflüssige Maische entsteht. „Bei Rotwein, den wir zu 90 Prozent verkaufen, bleibt dieses Gemisch drei bis vier Tage stehen, damit der Wein gärt und möglichst viele Farbstoffe aus den Beeren extrahiert werden“, erklärt Sweetbertha. Dadurch erhalte das Produkt auch seine schöne rote Farbe, die bei tansanischem Wein noch intensiver und dunkler sei als in anderen afrikanischen Ländern. Anschließend wird der Wein gefiltert, gepresst und schließlich in einem der zwölf riesigen Tanks von Alko Vintages gelagert.

1,5 Millionen Liter füllt der Weinproduzent, der als einziges Weingut Tansanias unter einheimischer Führung steht, auf diese Weise jährlich ab – wenn nicht produziert wird, besteht die tägliche Arbeit darin, den Wein abzufüllen. „Der liebliche Rotwein ‚Dompo‘ ist der absolute Verkaufsschlager unter unseren sieben Marken, weil er mit 18 Volumenprozent einen außergewöhnlich hohen Alkoholgehalt hat“, schmunzelt Sweetbertha. „Viele Kunden kommen zu uns und sagen: ‚Gib mir den Wein, der mich am schnellsten betrunken macht.‘ Das hat natürlich wenig mit Weinkultur zu tun, aber in 50 Jahren wird sich das grundlegend geändert haben und die Leute werden wissen, was Weintrinken bedeutet. Da stehen wir noch am Anfang.“

Die Menschen in Tansania beginnen, gesünder zu leben, ihren Lebensstil umzustellen. Ein Glas Wein am Tag kann da helfen – das erkennen sie langsam.

Konkretes Potential sieht das 1,55m große Energiebündel dabei in gleich mehreren Aspekten: „Die Menschen in Tansania beginnen, gesünder zu leben, ihren Lebensstil umzustellen. Sie lernen zum Beispiel, dass viele im Alter Diabetes oder Bluthochdruck bekommen und versuchen, das zu verhindern. Ein Glas Wein am Tag kann da helfen – das erkennen sie langsam.“ Daneben möchte Alko Vintages auf den hohen Anteil an Muslimen im Land reagieren und verschiedene Arten an Traubensaft anbieten. Auch in den bisherigen Importen von 30 Millionen Litern jährlich läge weiteres Wachstumspotential, versichert Sweetbertha: „In Zukunft können wir hoffentlich die Importe durch unseren eigenen Wein ersetzen, indem wir damit werben, dass der Wein im eigenen Land hergestellt wurde.“

Um zu expandieren, reichen die bisherigen Kapazitäten von Alko Vintages jedoch noch nicht. In Tansania ist das Unternehmen neben Cetawico und Tansanian Distilleries Limited schon die drittgrößte Weinmarke, aber ihr Marktanteil liegt noch unter zehn Prozent. Gegenwärtig baut der Weinproduzent daher acht neue Tanks für umgerechnet 1,2 Millionen Euro, um die Lagerkapazität zu erhöhen und eine höhere Nachfrage bedienen zu können. Um jedoch zu exportieren, zum Beispiel nach Südafrika, müsste Alko Vintages schon zwei oder zweieinhalb Millionen Liter jährlich produzieren. „Aber wenn wir unsere Produktion langsam ausbauen, können wir dieses Ziel auf jeden Fall eines Tages erreichen. Eins nach dem anderen“, sagt sie.

Die berufliche Weinkennerin beendet ihre ausführliche Führung und bleibt vor den großen silbernen Weintanks stehen. Keiner wagt zu hoffen, aber allen steht die Frage ins Gesicht geschrieben: Folgt nun die heiß ersehnte Weinverkostung? Sweetbertha füllt lachend die Gläser mit zuckersüßem Dompo, der bei Außentemperaturen von 30 Grad sofort in Kopf und Füße steigt. „Ja, dieser Teil meiner Arbeit gefällt mir sehr“, beantwortet sie die Frage, „aber außer beim täglichen Testen trinke ich während der Arbeit keinen Tropfen.“ Von Wein habe sie deshalb auch nach Feierabend nie genug: „Abends trinke ich sehr gerne mal ein bis zwei Gläser – dass ich beruflich immer von Wein umgeben bin, ändert daran überhaupt nichts. Sogar meinen Vater, einen überzeugten Biertrinker, habe ich seit letztem Jahr dazu gebracht, ab und zu die Flasche durch ein Weinglas zu ersetzen. Und wenn sogar er Wein trinkt, sind wir auf einem guten Weg.“


2. März 2016

 


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