Margret Nassimbwa

Margret Nassimbwa

kümmert sich um Kinder mit Behinderung – eine Minderheit, die in Uganda noch größtenteils diskriminiert wird.


Diese Fernsehsendung ist etwas Besonderes. Besonders schockierend: Das ugandische Fernsehen sucht den „Hässlichsten Mann des Landes“. Zur Schau gestellt werden erwachsene Männer mit körperlichen Behinderungen – und das Publikum prustet, krakeelt und lacht sie aus, eben wegen dieser Behinderungen. Margret Nassimbwa weiß, dass es sich hierbei keineswegs um eine Ausnahme handelt: „Als ich erkannt habe, dass Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft flächendeckend diskriminiert und ausgeschlossen werden, wollte ich etwas daran ändern“, sagt sie. Also begann sie, als Lehrerin für Kinder mit Behinderung zu arbeiten, im Goodwill Heim für Kinder mit besonderen Bedürfnissen.

Was diese Kinder außerhalb der Mauern von Goodwill erleben, hat mit einer toleranten Gesellschaft oft herzlich wenig gemein. Zum Beispiel in der Kirche: „Wenn manche Leute während des Gottesdienstes neben unseren Kindern sitzen“, sagt Maggie, „und diese haben ein wenig Spucke am Mund oder auf dem T-Shirt, stehen sie auf und setzen sich woanders hin.“ Abneigung und Härte statt Zuneigung und Liebe – in Goodwill werden diese gesellschaftlichen Konventionen ad acta gelegt. „Wir behandeln die Kids genau wie unsere eigenen“, gibt die 23-Jährige das Leitmotiv vor.

30 Kinder zwischen sechs und 19 Jahren leben hier, am Rande von Kireka, gelegen zwischen Kampala und Jinja. Neun von ihnen wurden von ihren Familien verstoßen, einige einfach vor dem Tor von Goodwill abgelegt, sodass sie nicht einmal in der Ferienzeit zurück können. Einer von ihnen ist Kato Richard Settuba, der Wortführer der Jungen im Heim. Der 12-jährige leidenschaftliche Sänger ist von Geburt an blind. Doch das hält ihn nicht davon ab, Decken und Kissenbezüge mit hochkomplexen Mustern zu weben. „Wir legen ihm die verschiedenen Farben auf den Oberschenkel und auf den Tisch“, erklärt Maggie. „Wir beschreiben ihm, welche Farbe er wo vorfindet und daraufhin stellt er sich das Muster vor und arbeitet es aus – er sieht es vor sich, ohne seine Augen zu benutzen.“

Man muss sich nur genügend Zeit nehmen, um ihre Fähigkeiten zu erkennen und zu fördern.

Das ist Katos großes Talent. „Diese Kinder haben Talente, wie alle anderen Menschen auch. Man muss sich nur genügend Zeit nehmen, um ihre Fähigkeiten zu erkennen und zu fördern“, sagt Maggie. Sie und ihre sechs Kollegen kümmern sich Tag und Nacht um die Kinder. Neben den Dingen, die Spaß machen – spielen, singen, rennen – und denen, die eben sein müssen – zählen, schreiben, Sprachen lernen – liegt ein dritter Schwerpunkt von Goodwill in der Ausbildung alltäglicher Fähigkeiten: Zähne putzen, Boden schrubben, Gläser spülen. Zweimal in der Woche ist Waschtag, so auch an diesem Mittwoch: Die Jungen schleppen schwere Wasserkanister durch den Garten, dort waschen sie gemeinsam mit den Mädchen ihre eigenen Klamotten, um sie anschließend zum Trocknen in der sengenden ugandischen Sonne aufzuhängen. Insbesondere solche täglichen Aktivitäten seien von enormer Bedeutung, sagt Maggie, da sie die Selbstständigkeit der Kinder fördern.

Für jene Kinder, deren Handicap es ihnen nicht ermöglicht, solche Tätigkeiten auszuführen, gibt es Maggie und ihre Kollegen. So viel positive Erfahrung die Arbeit mit den Kindern auch bringt, gelegentlich ist sie auch anstrengend und mit Rückschlägen verbunden – so verlor Maggies Kollege Achiles Semugooma erst vergangene Woche sein Handy an den Spieltrieb eines Kindes, dem das Gerät irgendwann nicht mehr standhielt. „Man muss einfach davon überzeugt sein, was man tut“, sagt der graduierte Bachelor of People with Special Needs. „Da spielt so etwas wie ein Handy keine Rolle.“ Aufgrund dieser Überzeugung ist der 26-Jährige bereits seit fünf Jahren Teil des Goodwill-Teams, beherrscht sowohl Blinden- als auch Zeichensprache und kann auf diese Weise zwischen allen Kindern und Teammitgliedern vermitteln.

Doch all diese Fähigkeiten und all die Liebe für die Kinder sind limitiert, wenn die Fördermittel ausbleiben. Goodwill ist ein finanzschwaches Heim – ohne große NGOs im Hintergrund wie viele andere private Einrichtungen oder gar den Staatsapparat wie die regierungseigenen Behindertenheime. Ab und an spendiert eine NGO oder ein Gönner aus der Gemeinschaft ein wenig Geld oder einen Sack Reis. Der Rest ist Überlebenskampf pur: „Wir wollen, dass die Kinder hier gut essen können. Aber manchmal ist kein Geld für Milch da, dann können wir ihnen nur Wasser zum Trinken anbieten“, beschreibt Maggie die Dimensionen. Um Platz für neue Bewohner zu schaffen, arbeiten die Mitarbeiter gegenwärtig an einem Anbau hinter dem Haupthaus – doch es fehlen Zement, Backsteine, Sand, Türen und Fensterglas. Das soll sich ändern, so schnell wie möglich. Deshalb hat sich die einzige Volontärin von Goodwill, die Kanadierin Monique, dazu entschlossen, eine Homepage zu erstellen. Um Spenden zu generieren, eine dringend benötigte Krankenschwester und einen Physiotherapeuten zu finden – und um Freiwillige davon zu überzeugen, dass sie hier wirklich einen Unterschied machen können. Um Einrichtungen wie Goodwill dabei zu helfen, Uganda zu einer behindertengerechten Gesellschaft umzugestalten.


30. Dezember 2015

 


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