Kevine Kagirimpundu

Kevine Kagirimpundumischt mit ihrem jungen Label die ruandische Modeszene auf.


Ja, gibt sie zu, sie habe leider mal wieder keine Zeit gefunden, um ihre Haare zu stylen. „Die sehen ja schrecklich aus“, sagt sie beim kurzen Blick in den Spiegel. Egal, es gibt Wichtigeres im Leben von Kevine Kagirimpundu. Viel Wichtigeres. Am Morgen das exporters meeting, am Nachmittag steht ein Treffen mit den Kollegen der städtischen Modebranche an, um eine gemeinsame Vereinigung zu gründen. Nächste Woche dann eine Messe in Tansania – die wievielte es in diesem Jahr ist, kann Kevine gar nicht sagen. Denn die ruandische Modewelt wächst gegenwärtig wie nie zuvor. Und Kevine, ihre Kollegin Ysolde Shimwe und ihr gemeinsames Label Uzuri K & Y reiten die Welle.

Vor zwei Jahren hatte ich riesige Erwartungen und Hoffnungen – und die sind noch lange nicht erfüllt.

Die Designerin sitzt in ihrem eigenen Büro im Süden Kigalis – 24 Jahre alt, selbst designtes Kleid, selbstsicheres Auftreten, umgeben von 13 Mitarbeitern und zahlreichen bunten Sandalen. Kevine ist von alldem kein bisschen überrascht. „Ich bin eine Träumerin“, sagt sie. „Vor zwei Jahren hatte ich riesige Erwartungen und Hoffnungen – und die sind noch lange nicht erfüllt.“ So spricht eine Designerin, die doch in erster Linie Geschäftsfrau ist. „Mode ist ja nicht nur Mode“, sagt sie, „Mode ist vor allem ein Geschäft.“ Und Frauen wie Kevine werden immer wichtiger und präsenter im gesellschaftlichen Alltag des kleinen ostafrikanischen Staates.

Island, Norwegen, Finnland, Schweden, Irland, Ruanda. Die Spitzengruppe des Mitte November veröffentlichten Global Gender Gap Report, der jährlich vom Weltwirtschaftsforum veröffentlicht wird, verwundert auf den ersten Blick. Platz 6, vor Deutschland, den USA, mit großem Vorsprung vor allen anderen afrikanischen Staaten. Doch die Zahlen kommen nicht von ungefähr: 88 Prozent der ruandischen Frauen gehen einer geregelten Arbeit nach. Mit 64 Prozent Frauenanteil stellt das ruandische Parlament das femininste auf der ganzen Welt.

Dennoch findet Kevine kritische Worte: „In der Wirtschaft haben wir Frauen noch immer einen schweren Stand. Obwohl wir Kredite deutlich zuverlässiger zurückzahlen als Männer, zahlen wir höhere Zinsen und haben es viel schwerer, Banken von unseren Investitionen zu überzeugen.“ Bei ihrem Label, ergänzt sie, haben die Leute hingegen erkannt, dass es funktioniere – „sogar die Männer.“ Denn Uzuri K & Y ist mittlerweile ein Begriff in Kigali und ganz Ruanda.

Die Geschichte von Kevine und Ysolde beginnt vor vier Jahren, während ihres Studiums an der Universität von Ruanda. Zwar hätte sich Kevine um ein Haar für Ingenieurwesen eingeschrieben – doch sie widersetzt sich dem Rat ihrer Eltern und ihres Bruders und ergattert als Nachrückerin einen der begehrten Plätze im Studiengang Creative Design. Genau wie Ysolde.

Während des Studiums beginnen die beiden, Schuhe zu recyclen und weiterzuverkaufen. „In Westafrika war das Gang und Gäbe, hier hingegen etwas völlig Neues. Die Leute haben uns die Schuhe förmlich entrissen, so begehrt waren sie“, erinnert sich Kevine. 2013 graduieren die beiden und entscheiden sich für den Weg in die Selbstständigkeit. Sie gründen Uzuri K & Y, „Mit ruandischem Stolz handgemachte Schuhe“, wie am Eingang ihrer beiden Filialen in der Hauptstadt zu lesen ist. Die Chefinnen sind jung, ihr Ehrgeiz grenzenlos, ihr soziales Engagement bemerkenswert: „Wir haben damals erkannt, dass es schwierig ist, in unserer Branche etwas zu erreichen. Also haben wir entschieden, selbst etwas zu kreieren, unsere eigenen Jobs zu schaffen. Und anderen Menschen ebenfalls Arbeit zu geben“, sagt Kevine. Deshalb stellt Uzuri K & Y seit der Gründung des Labels fast ausschließlich Langzeit-Arbeitslose ein; zuerst werden sie als Praktikanten angelernt und dann fest übernommen.

Die Macherinnen von Uzuri K & Y denken und handeln global – und das gefällt dem Klientel: Seit Jahresbeginn ist der Gewinn des Unternehmens im Vergleich zum Vorjahr um 4400 Prozent gestiegen. Im Frühjahr 2015 präsentierten sie ihre Sandalen auf einer Modemesse in Oklahoma, später auf fast allen relevanten Events in Ostafrika. Die Stoffe kommen aus Benin, Ghana und der Elfenbeinküste, die Sohlen aus Tansania und China. Bald sollen Online-Angebote für Äthiopien und Kenia folgen sowie Exporte in die USA, nach Brasilien und Japan. Und natürlich nach Italien – die Herausforderung schlechthin, gibt Kevine zu: „Die Italiener sind einfach die Besten in der Branche. Da ist die Konkurrenz enorm.“

Es ist nicht zuletzt auch ihr Erbe, das Kevine zu dem Menschen gemacht hat, der sie heute ist. „Ich wollte davon lange nichts wissen“, sagt sie, „aber wahrscheinlich hatte mein Vater großen Einfluss darauf, was ich heute mache.“ Ihr Vater war selbst Schneider, hier, gleich ums Eck leitete er eine Ausbildungsstätte für junge Lehrlinge. Eine Vereinigung der Mode-Schaffenden des Landes ins Leben zu rufen, das war sein Traum. Er konnte ihn nie verwirklichen. 1994 wurde er während des Genozids ermordet. „Irgendwie ist es etwas Spirituelles. Ich erinnere mich nicht an ihn, er starb, als ich zwei Jahre alt war“, blickt Kevine zurück. „Aber wir haben so vieles gemeinsam. Dieselbe Leidenschaft, dieselben Visionen: Seine Idee von einer ruandischen Mode-Vereinigung setzen wir seit diesem Jahr in die Tat um.“

Neben ihrem Büro, einen Raum weiter, arbeiten die Mitarbeiter von Uzuri K & Y im Akkord an der neuen Sandalen-Kollektion. Über ihnen an der Wand hängt eine weitere Vision von Kevine und Ysolde: der multifunktionale Schuh. Eine Sandale, an welche die Trägerin je nach Belieben Absätze in verschiedenen Höhen und Ausführungen anschnallen kann. „Du kommst mit deinen Sandalen vom Strand und kannst sie gleich danach als High Heels auf einer Party anziehen. Wäre das nicht der Wahnsinn?“, strahlt Kevine. Die junge Geschäftsfrau hat gut Lachen. Denn einen Meilenstein haben sie und ihre Partnerin in diesem November endlich erreicht: „Bisher konnten wir immer nur unsere Angestellten bezahlen, für uns blieb nichts übrig“, sagt Kevine. „Aber in diesem Monat konnten wir uns erstmals ein eigenes Gehalt auszahlen. Das war unbeschreiblich.“ Shoppen sind sie von dem Geld übrigens nicht gegangen. Sie haben es in ihr Label investiert. Ganz die Geschäftsfrauen eben.


24. November 2015

 


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