Venuste Hanyurwabake

Venuste Hanyurwabakebaut an, womit sich im eigenen Land nichts, in der Ferne aber viel Geld verdienen lässt: Kaffee.


Zuerst riecht man nur das Feuer. Der schwarz-weiße Qualm beißt in den Augen, das Holz knistert, die hellen Kaffee-Bohnen werden im steinernen Topf umgerührt. Der Arm schmerzt nach einer Weile von der Bewegung, der Wind weht den Qualm wieder in die Augen. Doch langsam beginnen sich die Bohnen dunkler zu färben – eine nach der anderen. War das gerade eine Kaffee-Duftnote? Noch eine. Aha – jetzt kann man es deutlich riechen: frisch gerösteter Kaffee.

Mit einem Mörser wird er gleich weiterverarbeitet, gemahlen. Selbst überzeugte Teetrinker müssen zugeben: Es riecht einfach köstlich. Kaffeeliebhaber stellen anschließend fest: so schmeckt es auch. Ein sehr guter Espresso in Ruanda, aus Ruanda? Das bedarf genauerer Betrachtung.

Der moderne Kaffeeanbau Ruandas datiert auf das Jahr 2005 zurück, als lokale und internationale Investoren die fast gänzlich brach liegende Branche wiederbelebten: Die Bedingungen für Kaffeeanbau sind im „Land des ewigen Frühlings“ mehr als vielversprechend. So auch einige Kilometer außerhalb von Huye, der im Süden des Landes gelegenen Universitätsstadt, die inmitten von weitläufigen Bananenplantagen, Reisfeldern und Kartoffel-, Bohnen- und Erdnussfeldern liegt. Die Pflanzen und auch der Kaffee profitieren von einem geeigneten Sauerstoffgehalt auf 1700 bis 2000 Metern Höhe, Temperaturen zwischen 23 und 30 Grad Celsius bei gleichzeitiger Niederschlagsmenge von 1500 bis 2000 Millimetern im Jahr. Dazu ein lockerer Boden, den die weichen Wurzeln der Kaffeepflanzen mögen, sowie die Sonneneinstrahlung an den Berghängen. Diese Bedingungen scheinen sich bezahlt zu machen: Bestellt man aktuell ein 350g Paket „Huye Mountain Kaffee“, bezahlt man im Netz dafür 19 Dollar.

Da habe ich mich gefragt: Warum machst du das nicht auch?

Das lukrative Potential der Pflanzen sah auch Venuste Hanyurwabake von Beginn an. Der fünffache Familienvater entschied sich daher, seine Tätigkeit vom Bauern zum Kaffee-Bauer zu erweitern. „Die Menschen hier hatten plötzlich ein Einkommen und ein gutes Leben – da habe ich mich gefragt: Warum machst du das nicht auch?“, erinnert er sich. Die neu gegründeten Firmen wie Huye Mountain Coffee unterrichteten die Farmer und brachten ihnen bei, was sehr guten Kaffeeanbau ausmacht.

Venuste kommt inzwischen jeden Tag auf sein Feld. An diesem Tag kontrolliert er den Kaffee nach verfaulten Kirschen. Die meiste Zeit sei der Kaffeeanbau harte Arbeit, sagt er. „Man muss immer dran bleiben, die Pflanzen pflegen, Parasiten beseitigen. Aber wenn man von Anfang an gut aufpasst, dann geht es.“ Noch drei Monate sind es bis zur großen Erntezeit, die von März bis Juni andauert. Überall wachsen die grünen, hohen Kaffeepflanzen und die Bauern warten darauf, dass sich die Kirschen rot färben. Ein außergewöhnlich ästhetischer Moment, wie Venuste erzählt: „Wenn ich dann die Kaffeepflanzen sehe, mit den roten Kirschen daran, denke ich: ‚Oh mein Gott, was für ein Anblick‘.“

Dass Venuste seine Arbeit mag, ist unschwer zu erkennen. Er selbst ist einer der wenigen Ruander, die überhaupt und dann auch noch gerne Kaffee trinken. Und er ist stolz, dass inzwischen auch einer seiner fünf Söhne eine Kaffee-Plantage besitzt. „Aber mein Kaffee ist besser“, lacht Venuste auf und fängt an zu diskutieren: „Natürlich ist er das! Ich habe meinen Sohn gelehrt, da kann er doch nicht besser sein als ich!“

Vom Kaffeeanbau alleine können Venuste und sein Sohn trotzdem nach wie vor nicht leben. „Das Problem ist die kurze Erntezeit von vier Monaten“, sagt er. Während dieser Zeit bekomme man zwar eine Menge Geld – doch danach eben nicht mehr. „Es ist schwierig, genügend Geld zu verdienen, um die restlichen acht Monate zu überleben.“ Venuste spart daher den Großteil der Einkünfte des Frühjahrs und baut außerdem weiterhin Gemüse an. „Gerade klappt es ganz gut, aber es gibt Jahre, in denen wir ziemlich leiden in dieser Zeit. Schulgeld und Essen bezahlen sich nicht von alleine.“

Doch die Chancen sind nicht schlecht, dass sich die Verdienstmöglichkeiten für Venuste in Zukunft weiter verbessern werden: Heute arbeiten bereits 3500 Farmer alleine für Huye Mountain Coffee, nur eine von vielen Kaffeekooperativen in der Region. Zusammen produzieren sie für das Unternehmen mehr als 2000 Tonnen Kaffee pro Jahr, Tendenz steigend. 2014 investierte Huye Mountain Coffee in eine moderne Waschstation, die zwei Tonnen Kaffee pro Stunde durch ihre Rohre schießt. Die Kaffeemenge, die vor Ort in Huye produziert wird, konnte dadurch deutlich erhöht werden. Ebenso die Qualität der Arabica-Bohnen: Durch kontinuierliche Trainings der Farmer fällt der Huye Mountain Kaffee heute zu 80 Prozent in die höchste internationale Qualitätskategorie.

Für die Käufer im Ausland scheint der ruandische Kaffee nicht nur deshalb beliebt zu sein: 95 Prozent der Produktion werden aktuell exportiert – bislang vor allem in die USA, nach Japan, Großbritannien und Australien. Aktuell laufen zusätzlich Gespräche mit europäischen Unternehmen, etwa aus Deutschland. Ruandischer Kaffee ist Handarbeit und „Fairtrade“ – und damit auch für den europäischen Markt von besonderem Wert.

Der Kaffee vom Huye Mountain habe aber auch einfach eine einzigartige Süße, die ihn besonders mache, versucht Venuste zu überzeugen und hält die Tüte mit dem frisch gerösteten Kaffee erneut zum Riechen hin. Hmm – die Augen schließen sich, die Lippen formen sich von alleine zu einem Lächeln. Venuste lacht und hat verstanden. Das bedarf dann wohl keiner Übersetzung.


4. Dezember 2015

 


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