Haji Suleiman Haji

Haji Suleiman Haji

baut in einem kleinen Dorf im Norden Sansibars einige der besten Holzboote im gesamten Indischen Ozean.


Der Weg von der Moschee über den heißen Sandstrand ist in der brutzelnden Mittagssonne eine wahre Tortur. An seinem Arbeitsplatz angekommen, entledigt sich Haji Suleiman Haji daher als erstes seines Shirts. Glücklicherweise liegt sein Open-Air-Office zum einen dort, wo andere Urlaub machen – an einem der paradiesischsten Strände Afrikas – und zum anderen: im Schatten eines stattlichen Nadelbaums. Sofort macht er sich wieder an die Arbeit: Das Projekt, welches ihn seit einem Monat beschäftigt, erlaubt, abgesehen von den fünf kurzen täglichen Gängen zur Moschee, kaum Pausen. Noch etwa vier weitere Wochen lang wird diese prächtige Dau seinen Lebensmittelpunkt darstellen.

Die Daus, jene eleganten Segelboote, welche das Panorama Sansibars unwirklich und antik erscheinen lassen, werden von Haji und seinen Kollegen am Strand von Nungwi gefertigt – wie es hier seit mehr als 200 Jahren Tradition ist. „Mehr als ein paar Nägel und Holz benötige ich nicht. Statt moderner Maschinen nutze ich Hammer, Machete und Säge. Mit diesen Werkzeugen fertige ich ganz ohne Konstruktionspläne wunderschöne Boote an“, zeigt sich der 44-jährige Dau-Baumeister stolz. Er selbst ist der Bauleiter dieses sieben Meter langen Exemplars, für welches das Team am Ende einen Gewinn von gut 800 Euro einplanen kann. Die Arbeit der Bootsbauer im Norden Sansibars ist sehr gefragt, gelten ihre Daus doch als die besten im gesamten Indischen Ozean.

Mit diesem Boot wird der Käufer sehr zufrieden sein. Das Material ist besonders gut, entsprechend wird es belastungsfähig und stark.

Insgesamt lässt sich der Auftraggeber dieses Bootes, ein lokaler Fischer, die Schönheit rund 2500 Euro kosten. Doch die Materialien – handgemachte Nägel und Mangoholz aus Kenia, Nordtansania und Pemba sowie Baumwolle zum Verschließen der Fugen – verschlingen rund 70 Prozent davon. „Mit diesem Boot wird der Käufer dann aber auch sehr zufrieden sein“, sagt Haji, „das Material ist besonders gut, entsprechend wird es belastungsfähig und stark.“ Ganze sieben Jahre soll die Dau halten. Wegen dieser Zuverlässigkeit erhält Haji sogar Aufträge aus Mosambik und Kenia.

Vor dem weißen Strand von Nungwi liegen bei Ebbe mehr als 50 Daus auf Grund und warten auf die Wellen der Flut. „Jedes von ihnen ist individuell, manche etwas kleiner, andere dicker, wieder andere etwas länger“, beschreibt Haji. Manch eines hat drei Masten und trägt bis zu 200 Tonnen Last; andere verfügen über nur einen Mast und werden von Fischern oder Touristenführern genutzt. „Da vorne liegen auch ein paar Ghanjahs“, sagt Haji und zeigt auf einige schmale, lange Boote. „Sie sind im arabischen Stil gebaut. Daran arbeiten wir bis zu sechs Monate, an einer Dau wie dieser hier lediglich acht Wochen.“

Nicht wenige der imposanten Boote mit den weißen Dreieckssegeln und den weit herausragenden Steven hat er selbst gebaut. Seit 23 Jahren geht er dieser Arbeit nach. Kämpft während der Trockenzeit gegen die Hitze und während der kühleren Monate gegen den Regen und die sinkende Kaufkraft der Fischer – denn dann bleiben die Touristen aus und die zahlreichen Hotels und Restaurants an der Küste kaufen weniger Fisch.

Auch wenn die Arbeit körperlich hart und stark von der Saison abhängig sei, handle es sich um einen sehr guten Job für ihn, versichert Haji: „Viele Kinder wünschen sich diesen Beruf, um später eine sichere Zukunft zu haben. Ich kann mein Haus bezahlen, meine Frau und meine sechs Kinder ernähren und mein Leben selbst bestimmen.“

Seit Generationen baut seine Familie Boote – Haji selbst bekam diese Kunst von seinem Vater gelehrt. Und seine beiden Söhne werden ihm irgendwann nachfolgen: „Ich würde mich sehr freuen, wenn sie denselben Job machen würden.“ Doch noch sei es zu früh, sagt er ernst: „Sie müssen zuerst die Schule beenden, das ist das Wichtigste.“ Da er selbst bis zum Ende seines Lebens Boote bauen werde, weil in Tansania kein Rentensystem existiert, könnten er und seine Söhne dann womöglich Hajis lange gehegten Traum verwirklichen: seine eigene Dau. Sogar einen Namen hat er schon: Er würde sie Majiria nennen.


8. März 2016

 


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