Jeremia Byaharungo

Jeremia Byaharungo… wurde als traditioneller Heiler lange Zeit belächelt und kooperiert heute mit den Krankenhäusern der Region.


Inmitten der akkurat angeordneten Bohnen-, Erbsen- und Maisfelder, die in der Regenzeit die Gegend rund um Kyabahinga, einem kleinen Dorf am Bunyonyi-See, ergrünen lassen, ist er zunächst nur ein Fleck in der Landschaft. Hinter den üppig bestückten Bananen-Plantagen geht Jeremia Byaharungo in einem kleinen Kräutergarten seiner Arbeit nach: Gewissenhaft pflückt er hier ein paar Blätter, da einige Kräuter und steckt sie in einen großen, weißen Jutesack. Zu guter Letzt trennt er noch drei Aloe Vera-Blätter ab, bevor er sich auf den beschwerlichen Weg bergauf zu seinem Haus begibt. Das ist fast eine Viertelstunde vom Garten entfernt, doch den Weg nimmt Jeremia gerne auf sich: Ein Patient wartet auf ihn und benötigt dringend seine Hilfe.

Der 73-Jährige arbeitet als traditioneller Heiler und ist als solcher hoch respektiert im Land der Bakiga, am südlichsten Zipfel Ugandas. Sein heutiger Patient ist keine besonders harte Nuss, quälende Bauchschmerzen sind das Problem. Jeremia holt einen dickflüssigen grünen Saft – woraus dieser besteht, das verrät er nicht so genau. Nur so viel, dass auch Minze enthalten sei, er die Kräuter getrocknet und anschließend eingekocht habe. „Nimm den Saft sieben Tage lang, dann geht’s dir wieder gut“, empfiehlt er seinem Patienten, der daraufhin dankbar den Weg nach Hause antritt.

Am wunderbarsten sind die Blätter des Omubirizi-Baums. Mit denen heile ich innerhalb von drei Tagen jede Form der Malaria.

Jeremia wird von etwa zehn Patienten am Tag besucht, manchmal sind es sogar 20 und mehr. „Die Leute kommen von weit weg, aus Kampala, aus Ruanda und Kenia“, ist er sichtlich stolz. Jeremia hat eine Menge zu bieten und das hat sich herumgesprochen. Kopfschmerzen, Allergien, Cholera, Syphilis, sogar Malaria – für all diese größeren und kleineren Beschwerden bietet er traditionelle Medizin an. „Am wunderbarsten sind die Blätter des Omubirizi-Baums“, sagt er. „Mit denen heile ich innerhalb von drei Tagen jede Form der Malaria.“ Aus diesem Grund hat er den Baum als einzigen direkt vor seinem Haus gepflanzt, um im Notfall schnell handeln zu können.

Als ihm seine Großeltern vor mehr als 60 Jahren die traditionelle Heilkunde beibrachten, war die Welt noch eine andere, hier am wunderschönen Bunyonyi. Unverheiratete Schwangere wurden auf „Punishment Island“ ausgesetzt, um zu verhungern. Ein schottischer Kolonialherr hielt auf einer anderen der 29 Inseln unzählige Leoparden zu seinem Privatvergnügen. Heute hingegen unterhält der CEO einer großen ruandischen Bank einen Zoo auf einer der Inseln, mit Zebras und Impalas – gegen Eintritt, für Touristen. Diese bevölkern auch weite Teile des restlichen Sees und des Festlandes. Die Moderne, sie lässt auch den Bunyonyi nicht unberührt.

Eine Veränderung, die Jeremia vor vielen Jahren zu spüren bekam. Mit dem Einzug moderner Medizin, zahlreicher Apotheken und Krankenhäuser in den nahegelegenen Städten und sogar auf der größten Insel des Sees, wurden Jeremias Methoden immer stärker angezweifelt. Traditionelle Heiler wie er waren plötzlich nur noch zweite Wahl. Es war eine Grundsatzentscheidung, mit der er sein Gewerbe ins 21. Jahrhundert hinüberrettete: Er entschied sich dazu, mit den Krankenhäusern zusammenzuarbeiten. Seit vielen Jahren bekommt er daher Besuch von Ärzten aus dem ganzen Land, die seine Kräuter in ihre Behandlung integrieren. „Seitdem respektieren mich auch wieder die Leute aus den Dörfern hier. Ich habe ihr Vertrauen zurückgewonnen“, sagt er.

Ein Gradmesser dieses Vertrauens sitzt und blökt auf der Freifläche vor seinem Haus: Zehn Ziegen sammeln sich dort – allesamt Geschenke dankbarer Patienten. Das mache ihn sehr glücklich, strahlt Jeremia und klatscht dabei in die Hände. Nur eine Krankheit mache ihm große Sorgen: AIDS, denn dagegen sei er machtlos.

Die meisten seiner Patienten sind Männer. Häufigstes Symptom: Albträume, Kopfschmerzen, Depressionen – Jeremia nennt das „Dämonen und Geister“. Einige streng riechende Gewürze und Kräuter sollen in Form eines starken Tees Abhilfe schaffen – und machen Jeremia nicht nur zum letzten traditionellen Heiler in der Region, sondern auch zum einzigen Psychiater weit und breit.

Als er so erzählt von seinen Mittelchen, Tees und selbst hergestellten Aloe Vera-Salben und sich kindisch freut über den Homöopathie-Boom in der westlichen Welt, jagt seine 5-jährige Enkeltochter Shiwany vorbei. Sie eilt dem frischgeborenen Familienkätzchen Pussycat hinterher und ist im nächsten Moment wieder im Dickicht der Bananenstauden verschwunden. „In sie setze ich all meine Hoffnung“, sagt Jeremia nachdenklich. „Sie wird mich einmal beerben und eine Heilerin sein, genau wie ich.“


13. Dezember 2015

 


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