Yibekal Guta

Yibekal Guta

… mischt als Neuling die Filmbranche auf. Sein Erstlingswerk befasst sich mit dem brandaktuellen Thema Menschenhandel.


„Country Girl! Bei diesem Film werdet ihr richtig lachen!“, ruft die Stimme auf amharisch durch die Straßen von Gonder. Die Passanten bleiben stehen, lauschen, ihre Augen folgen gebannt dem weißen Van, auf dessen Dach eine riesige Box befestigt ist. Aus ihr dringt der Ruf der Stimme. Unter ihr, am Steuer des Vans, sitzt Yibekal Guta. Auf Promo-Tour für seinen ersten Film.

Der 30-Jährige ist ein Profi, zielstrebig, wissbegierig, erfolgshungrig. Obgleich er eigentlich noch ein Grünschnabel ist in der Filmbranche. Vor zehn Jahren studiert er in seiner Heimatstadt Addis Abeba Human Resource Management, später arbeitet er für die Commercial Bank of Ethiopia. Als er sich vor einigen Jahren dazu entscheidet, ein eigenes Restaurant zu eröffnen, geht das mit dem Film irgendwie los. Ganz ungeplant. Filmstars gehen in seinem Laden ein und aus, plötzlich ist man per Du. Das Restaurant wird ab und an zur Spielfilm-Kulisse. Dann kommt dieser Filmkerl daher, Ewnet Asasahegn, und fragt ihn, ob er nicht Lust habe, seinen neuen Film zu produzieren. Und plötzlich ist Yibekal Guta Producer.

Ich bin jemand, der immer Risiko auf sich nimmt. Ich investiere in jede gute Idee.

Der äthiopische Film, er hat es noch nicht zu Weltruhm gebracht. Große Filmstudios sucht man vergeblich, die Gehälter sind niedrig, die Methoden zweifelhaft. „All unsere Drehbuchautoren“, sagt Yibekal, „sind dafür bekannt, vor dem Schreiben Khat zu nehmen.“ Die landesweit beliebte Droge habe den Ruf, die Konzentration zu steigern und die Kreativität zu fördern. Ebenso kurios: Aufgrund der geringen Budgets wird manch abendfüllender Spielfilm innerhalb von vier Wochen gedreht und geschnitten.

Im Vergleich dazu spielt „Country Girl“, das Erstlingswerk von Yibekal Guta, in der Königsklasse des äthiopischen Films. Acht Monate Produktionszeit, 40.000 Euro Budget – davon die Hälfte aus Yibekals eigener Tasche finanziert – sind ein Spitzenwert im landesweiten Vergleich. Für einen 100-minütigen Film, wohlgemerkt. Melat Solomon, die weibliche Hauptrolle, erhält für ihr Filmdebüt umgerechnet 850 Euro. Ihr Schauspielkollege, der landesweit bekannte Solomon Muhe, kassiert 1700 Euro – Höchstgage. Für äthiopische Verhältnisse ist das eine Menge. Und eine enorme Investition vonseiten Yibekal Gutas.

Nun also fährt er mit seinem Tourbus, einem mit den Schauspielern bedruckten weißen Toyota mit der Riesen-Box on top, gemeinsam mit Regisseur Wendwossen Yihub durchs Land und promotet seinen Film. Gestern Bahir Dar, heute Gonder. Vorbei an den alten Palästen des ehemaligen Kaiserreichs und an den Bauten der italienischen Besatzungszeit Ende der 1930er Jahre. Vorbei an Marktständen, dreirädrigen Bajajs, der größten Brauerei des Landes, der städtischen Universität, an zahlreichen Schulen. Dort wird er von der Polizei angehalten. Keine Audio-Werbung vor der Schule, bitte! Eine Lizenz des Ministry of Foreign Affairs, die Yibekal aus dem Handschuhfach kramt, lässt den Polizisten verstummen. Der findige Produzent hat die Rückendeckung der Regierung.

Denn ohne deren Genehmigung geht in Film und Fernsehen gar nichts. Zwei Fernsehsender zählt Äthiopien gegenwärtig: EBC ist im Besitz der Regierung, EBS wird von der Regierung aufs Strengste reguliert. „Die hiesigen Sender berichten ausschließlich über positive Dinge im Zusammenhang mit unserem Land“, sagt Yibekal. „Die Leute wollen Meinungsfreiheit, aber wir sind weit davon entfernt.“ Sowohl im aktuellen Pressefreiheits-Ranking von Freedom House als auch in der vergleichbaren Rangliste von Reporter ohne Grenzen nimmt Äthiopien einen der hinteren Plätze ein. Frei agierende Medien sind in Äthiopien nach Ansicht beider Organisationen gegenwärtig nicht mehr als eine Traumvorstellung. Jedes Jahr fliehen zahlreiche regierungskritische Journalisten und Blogger aus Angst vor der Regierung ins Exil. Die Mutigsten unter ihnen, die sich nicht vertreiben lassen, werden teilweise monatelang willkürlich inhaftiert.

Immerhin: In den vergangenen Jahren hat die Regierung die Regularien zur Eröffnung privater Kinos gelockert – diese schießen seither vor allem in Addis Abeba aus dem Boden. Viele von ihnen sind nur so klein wie das Efoyita Cinema in Gonder. Dort sitzt Yibekal nach seiner mehrstündigen Promo-Tour am Abend unter den Zuschauern. Zwar habe er den Film schon ein paar hundert Mal gesehen – aber jetzt hat er doch wieder Lust. Leidet mit den Protagonisten, lacht bei den lustigen Momenten und geht doch lieber nochmal auf Nummer sicher, ob wir auch wirklich seine kurzen Cameo-Auftritte entdeckt haben.

Dramen und Krimis floppen hier fast immer. Äthiopier gehen nur dann ins Kino, wenn sie etwas zu lachen haben.

Yibekal hat sich an ein heikles Thema gewagt. „Country Girl“ befasst sich mit dem Handel junger äthiopischer Frauen aus ländlichen Regionen, die – angetrieben von Wohlstand prophezeienden Schleusern – vornehmlich in Staaten des Mittleren Ostens ausreisen. In der Hoffnung auf gute Arbeit und gutes Geld, mit dem sie ihre Familien in der Heimat unterstützen können. Hunderttausende Äthiopierinnen gelangen so jedes Jahr außer Landes. Im Zielland angekommen, werden sie als moderne Sklavinnen gehalten. Ohne Bezahlung, oft unter brutaler Behandlung, auch von sexuellem Missbrauch und Morden wird regelmäßig berichtet. Seit 2009 reagiert die Regierung mit härteren Gesetzen und empfindlichen Strafen für Schleuser, diese wurden 2013 nochmals verschärft. Radiostationen gewähren NGOs freie Sendezeit zur Aufklärung der Gesellschaft, Schulbücher informieren über die Problematik. Bislang mit geringem Erfolg: Die Zahlen sind weiterhin hoch. Das US-Außenministerium macht dafür die äthiopische Regierung verantwortlich, welche nicht die Mindeststandards einhalte, keine Zahlen preisgebe und ihre Gesetzestexte zu ungenau formuliere.

Das Thema ist eigentlich zu ernst für die äthiopische Zuschauerschaft, denn Yibekals Landsleute wollen es seicht: „Dramen und Krimis floppen hier fast immer. Äthiopier gehen nur dann ins Kino, wenn sie etwas zu lachen haben. Vielleicht, weil der Alltag nicht immer zum Lachen ist.“ Yibekal hingegen liebt besonders „Filme mit einer Botschaft“. Der Mann, dessen Brüder in Rotterdam und Nürnberg leben, dessen Lieblingsfilm das Zweite-Weltkriegs-Drama „Der Pianist“ von Roman Polanski ist und der die Werke Warren Buffetts und Bill Gates verschlingt, musste also einen Kompromiss finden zwischen ernstem Thema und dem Verlangen der Zuschauer.

Deshalb ist auch sein Film lustig. Irgendwie zumindest. Immerhin hat es ja die Mega-Box auf dem Tourbus versprochen. So verfügt das Drehbuch über eine Figur, gespielt von Alemayehu Belayneh, die nicht im Geringsten in diesen Film passt. Ein Dorftrottel, wie er im Buche steht, der dem Film eine Reihe merkwürdiger Slapstick-Momente verleiht.

Abgesehen davon will Yibekal Guta eine Botschaft verbreiten; über den Menschenhandel aufklären, so flächendeckend wie möglich. Vor allem deshalb fährt er durch seine Heimat. Einmal, erzählt er, habe das schon geklappt. „Vor einiger Zeit hat mir eine junge Frau geschrieben: Nachdem sie meinen Film gesehen habe, hat sie ihre damals sehr konkreten Pläne, sich außer Landes schleusen zu lassen, ein für alle mal verworfen.“ So stolz Yibekal auch auf seinen Film, seine Promotion oder seine Cameo-Auftritte ist – dieser Brief bedeutet ihm noch mehr.


30. Oktober 2015

 


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